Zwischen
Sex, Magersucht
und Kirchenmusik

„Wunderland“, der vom Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ unter der Regie von Yves Hinrichs gespielte Auftakt des diesjährigen TTJ, endete in donnerndem Applaus. Das Publikum honoriert den eineinhalbstündigen Kraftakt, in dem von Tanzeinlagen über Sprints bis hin zu Trampolinsprüngen wenig ausgelassen wurde. Präzise ausgeführte Choreographien werden von Gitarren- oder Klavierspiel begleitet, Tanz geht in Gesangseinlagen über.


Bestimmend: der Chor

Bestimmend ist der (Sprech)Chor: Überartikuliert, roboterartig monoton werden die Sätze in den Raum gespien. Gern in brüllender Lautstärke. Regelmäßig treten Einzelne aus der Masse heraus, und ebenso regelmäßig fängt der Chor die verlorenen Söhne und Töchter wieder ein. Niemandem gelingt es, ein Ich mit eigener Geschichte zu werden. Zu mächtig, zu laut der Chor, die blinde Masse. Pantomimisch ausgedrückte Glaswände runden das Bild ab: Für Individualität ist kein Platz. Der Druck der anonymen Kräfte ist zu stark. Die Gesellschaft, die eigene Peer-Group – vielleicht ist auch der Kapitalismus schuld, der einen beklagenswerten Arbeitnehmer nachts um zwei auf das Okay aus den USA warten und an der Frage, wie er morgen bloß arbeiten soll, verzweifeln lässt. Aber es bleibt bei Andeutungen. Hastig werden die Erzählfäden angefangen, aufgehoben – und wieder fallengelassen. Musik, mal aus der Dose, mal selbergemacht, bringt in statischen Augenblicken wieder Schwung. Doch beeindruckt, wie konsequent und präzise jede Sekunde durchgeplant ist. Die Klavierspielerin sorgt mit ihrer Stimme für die schönsten Momente des Abends, und auch die Einzelleistungen derer, die aus dem Chor heraustreten, sind zu würdigen. Am höchsten muss sicher die Gruppenleistung bewertet werden, die ewigen Choreographien und Sprechchöre so flüssig zu präsentieren. Leider kann die technische Brillanz selten inhaltlich fruchtbar gemacht werden.


Problem oder Programm?

Die Schwierigkeit: Was man kritisch gegen das Stück ins Feld führen kann, kann man ihm ebenso gut positiv anrechnen. Es ist der fröhliche Kopfsprung ins anything goes, es braucht nur etwas guten Willen. Das Fehlen einer Handlung, einer dramatischen Zuspitzung, überhaupt jeder Klammer, die das bunt beleuchtete Nebeneinander von Gesang, Tanz und Gebrüll zusammenhalten würde, kann man auch als programmatischen Impetus verstehen. Als konsequentes Auf-die-Bühne-Bringen einer ohrenbetäubenden, quietschbunten und als zutiefst sinnlos empfundenen Lebenswirklichkeit, in der Geschlechterstereotype abgeklärt verlacht und doch nicht überwunden werden; in der rumpelstilzchenhafte Schreikämpfe in wilde Tanzorgien übergehen und selfieschießende Jugendliche zwischen Sex, Magersucht und Kirchenmusik herumtorkeln. Vielleicht ist sie das, die Welt, in der wir heute leben, wenn wir jung sind. Vielleicht auch nur die Projektionen von Jugendtheatermachern, die jenseits der 30 die Probleme des Erwachsenwerdens ganz neu für sich entdeckt haben.


Eine Frage der Haltung

Mit dem, was geliefert wird, lässt sich für und gegen das Stück argumentieren. Das ist der Punkt, an dem Kritik das Argumentieren hinter sich lässt und Haltung in den Vordergrund rückt. Ist es in Ordnung, eine echte oder vermeintliche Sinn- und Richtungslosigkeit als gegeben darzustellen, als etwas, dem man nicht entkommen, das man noch nicht einmal kritisieren kann? Will man es glauben, dass für die Menschen nichts übrig bleibt außer boulevardesken Lachern, Jammern und lauter Musik? Dass wir alle nur einer großen, sinnlosen Inszenierung folgen, dass echte Individualität ein Märchen und eine billige Ausrede ist? Die beiläufig beklagte Unfairness des Kapitalismus, der Gesellschaft oder des Patriarchats – sie bedankt sich.


Foto: Dave Großmann