Zu schön für diese Welt:
Zwischen Schönheitsschischi
und Selbstzerstörung

Ging es in der Aufführung von „SELBSTauslöser“ am Montag noch um die Frage: „Welchen Wert hat ein Gegenstand für mich?“, so ging es dagegen gestern Abend in der Baden-Badener Inszenierung „Zu schön für diese Welt“ vielmehr um die Frage: „Welchen Wert habe eigentlich ich?“

Denn 20 Jugendliche erzählen in 20 Badezimmern, wie sie sich selbst wahrnehmen oder wie sie sich von anderen wahrgenommen glauben: „Ich habe ein Optimierungsproblem.“ Dabei geht es immer wieder um Beziehungen; um die potentielle perfekte Freundin, das nächste Date, die Eltern. „Meine Mutter hat mir diese Schönheitscreme gegeben. Brauche ich die etwa?“

Da werden Bilder von Männern und Frauen entwor-fen, verworfen. Auch wenn zunächst ein „Männer tanzen nicht“ postuliert wird, tun sie (die Jungs) genau das eben dann aber doch, Mädchen blondie-ren sich und gucken interessiert: „Und jetzt will ich, dass du mich liebst.“

Tatsächlich spiegeln all die Geschichten, die das Ensemble da in diese Mini-Badezimmer transportiert vor allem ein Bedürfnis nach Liebe, nach Anerken-nung. Und man kann doch nur geliebt werden, wenn man schön ist? Kann sich selbst nur lieben, wenn man schön ist?

Die Spieler des U22-Theaterclubs stellen genau diese Fragen aus, indem sie zeigen, wie sehr diese ihre Figuren quälen. Da zieht man sich auf der Su-che nach dem geeigneten Outfit immer wieder um, schmiert für die makellose Haut mit Cremes, Make-up und Schäumen, trainiert bis zur Erschöpfung für den idealen BMI. Aber es gibt in diesem Badezim-mer-Mosaik auch Versuche, mit dem eigenen Ich und dem eigenen Körper umzugehen, die weniger quälend scheinen: Die Toilette wird zur perfekten Welle, die Zahnbürste zum Gesprächspartner. Trotzdem bleibt die Essenz: „Es ist nicht immer leicht, ich zu sein. Manchmal ist es sogar sau-schwer.“

Spielerisch und witzig-leicht bringt das Baden-Badener Ensemble diese Inhalte aber auf die Büh-ne. Sauber gearbeitete, sehr gut gesprochene Mo-nologe werden geschickt verwoben zu einem viel-stimmigen Gesamtbild, in dem die Monologe nicht isoliert bleiben, sondern in Beziehung zueinander treten: Die eine weiß nicht, was sie anziehen soll, der andere fühlt sich „too sexy for [his] shirt“.

Die Ensemble-Leistung der Spieler ist wohl ihre größte Stärke. Trotz fehlendem Sichtkontakt kom-men Wort und Bewegung stets auf den Punkt, bie-ten neben einem kaleidoskopischen Nebeneinander auch ruhige, fokussierte Momente; so das Einfrieren nach dem exzessiven Hose-Anziehen. Noch deutli-cher wird dieses gekonnte Zusammenspiel aber in den Musik-Einlagen: die Gesangseinlagen (ob a capella, mit Konzertgitarre oder Xylophon) und der Beat-Box-Rap gehören zu den Höhepunkten des Stücks, wirken gekonnt und auflockernd, transpor-tieren aber auch auf besonders eindringlich, was die jugendlichen Figuren eigentlich umtreibt: „Ich frage mich, wo die Schönheit ist… in welcher Jeans“. Schönheitssongs mit Hit-Potential.
Und mit eben diesem Können, dieser spielerischen Energie und all der Musik finden die Baden-Badener dann doch eine Antwort auf ihre Frage nach Schön-heit: denn wer so singen kann, wer so spie-len kann, ist schön.
Aber was nützt das den Figuren? „Ich bin gefangen in meinem Körper, der mir jetzt nicht mehr gefällt“ – bei all dem Witz und all der Leichtigkeit sind es doch auch traurige Geschichten, die da erzählt werden: von einem Jungen, der nicht versteht, warum seine Eltern ihn nicht hübsch finden; von einem Mädchen, das eigentlich schön sein will (und Schönheit kann man sich doch erarbeiten!), aber trotzdem Schoko-Pudding liebt. Sie kotzt den Pudding wieder aus. Und putzt vor lauter schlechtem Gewissen das Bad.

Das Stück läuft doch manchmal Gefahr, den Ernst dieser Geschichten untergehen zu lassen. Bulimie und Schönheits-OPs bleiben ebenso unkommentiert wie Pickel- und Outfit-Probleme. Aber gibt es da nicht doch noch Unterschiede? Die werden wegge-spült – durch Pointen und mitreißende Musik. Aber sind das nicht genau die Mechanismen, die auch außerhalb der Theaterbühne greifen? Die Grenzen zwischen ein bisschen Schönheitsschischi und Hang zur Selbstzerstörung, zumindest zur Selbst-Störung, verschwimmen – und genau das wird auch in „Zu schön für diese Welt“ sichtbar.

Es ist vor allem ein unterhaltsames Stück, das uns die Baden-Badener da präsentiert haben, voller Leichtigkeit und auch voll Hoffnung – auf Verände-rung, auf die Möglichkeit, einen Weg zu finden, sich selbst zu akzeptieren. Und vielleicht ist das da ja auch genau das, was der Zuschauer manchmal braucht – in diesen Zeiten, wo es nicht leicht ist, man selbst zu sein.

Foto: Dave Großmann