Zu schön für diese Welt:
Nicht zu schön zum Teilen

Theater muss man teilen. Das gehört sich einfach so. Selten wird man allein gelassen mit seinen Gedanken: Leute fragen, wie man etwas findet, sie wollen entweder die Bestätigung, die Provokation oder einfach nur die Kontroverse suchen, anecken. Daraus können durchaus fruchtbare Diskussionen entstehen, über das Spiel, über das Stück, über Theater. Im besten Fall erlaubt es uns, Perspektiven zu relativieren, überschwängliches Lob zurückzunehmen, zu scharfe Kritik zu entschärfen.

Als ich nach der Aufführung von „Zu schön für diese Welt“ die Wabe verlasse, schwirren in meinem Kopf noch die zwanzig Persönlichkeiten herum, die zwanzig Kloschüsseln und das Tohuwabohu auf der Bühne. Schauen mich Leute fragend an, antworte ich mit begeisterten Worten: Es sei ganz großartig gewesen, sage ich, einfach nur unterhaltsam, lustig, da habe sich eine Gruppe einen Rahmen geschaffen und ihn nicht gesprengt, da habe man keine Antworten versucht zu geben, die Frage nach einem tiefgründigen Sinn dahinter stelle sich einfach nicht: Ich habe eine Collage gesehen, Leute, die sich beim Spielen amüsieren – und habe ein Lachen aus dem Stück mitgenommen.

Das alles denke und sage ich bis etwa zehn Minuten nach Aufführungsende. Die Begeisterung nimmt mir eine Festivalteilnehmerin, die das Stück weder besonders witzig noch originell findet. Es sei viel Slapstick dabei gewesen, viel körperlicher Humor, es seien typische Klischees behandelt und überspitzt dargestellt worden, dafür bräuchte man im Übrigen nicht einmal besonders gute Schauspieler, die die Jungs und Mädels auch nicht gewesen seien. Der Frust in ihrer Stimme – ich teile ihn nicht. Die beinahe fatalistische Einstellung zum Slapstick-Humor auch nicht. Nichtsdestotrotz kommen plötzlich Aspekte ins Spiel, über die ich vorher nicht nachgedacht, in meiner Begeisterung verdrängt habe. Sie schmälern meinen Eindruck vom Stück nicht, sie relativieren ihn jedoch, helfen, es einzuordnen und – wenn das überhaupt geht – realistisch zu reflektieren, was ich gesehen habe.

Das Stück lebt vom Bühnenbild, keine Frage. Zwanzig Figuren agieren gleichzeitig, alle bekommen mal ihren Platz an der Sonne, bis auf einige Szenen, wenn zum Beispiel gesungen wird. Das Weiterreichen der Aufmerksamkeit durch das Setzen von eindeutigen Impulsen: Theater-Einmaleins. Das intonierte Sprechen und damit auch das Karikieren der Figuren: eine Übung, die man so auch im Darstellenden Spiel macht. Mit dem Unterschied, dass hier Spielerinnen und Spieler sind, die es bis zur Perfektion gelernt haben, ihre Parodien glaubhaft zu machen; sie sind in ihrer völlig eigenen Art und Weise ehrliche Darstellungen von Klischees und das ist doch irgendwie wieder bewundernswert. Die Gruppe lebt sich auf ihrer Bühne aus, macht viel Quatsch, es wird der Humor-Nerv regelrecht gequetscht, das Chaos zelebriert.

Im Laufe des Gesprächs wird mir also meine Begeisterung ein wenig genommen, ich verfluche die Festivalteilnehmerin dafür. Aber, und das macht mich wiederum glücklich: So soll das doch auch bitteschön sein! Der Kreis, der geöffnet wird, schließt sich irgendwann wieder. Erst nicke ich, bestätige sie, ja, sie habe Recht, Holzhammerhumor und so, ja, das mit der Creme und dem Rasierschaum und dem Schokopudding ging mir auch irgendwann auf die Nerven, es ist zurzeit cool, sich zu beschmieren und irgendwann tut das irgendwie jeder und ja, die Gruppe ist nicht ganz konsequent gewesen und hat am Ende noch etwas fast schon Moralisches gezeigt, aber das ist unaufdringlich, fast schon unbemerkt passiert. Und ja und nochmals ja, das alles, was du sagst, das alles stimmt.

Ich danke ihr dafür. Etwas Besseres kann mir doch gar nicht passieren: Durch ihren Blickwinkel auf das Stück habe ich meinen relativiert, aber nicht verändert. Ich liebe das Stück immer noch, ich finde, es ist ein unterhaltsamer Abend gewesen, ich bin mit einem Lächeln hinausgegangen.

Aber ich werde beim Hinausgehen nicht allein gelassen, ich darf mich mitteilen und umgekehrt. Das ist das Theatertreffen, die Festival-Ökologie. Denn wie das Brot unter den Armen, so muss auch Theater geteilt werden.

Foto: Dave Großmann