Zu schön für diese Welt:
Das Linie1-Konzept

Das eine Theater sucht sich zu seinem hochtrabenden Inhalt eine abstrakte Form und Geschichten, die weit weg sind. Das ist dann Theater, an dem man lange knabbert. Quasi Vollkornbrot, es wird erst süß, wenn man lange drauf rumkaut.

Und das andere sind helle Brötchen (Schrippen, Semmeln). Die schmecken sofort und sind nicht so anstrengend.

„Zu schön für diese Welt“ schmeckt sofort. Auf den ersten Bissen. Es macht gute Laune, wenn die Spieler zu „New Soul“ durch Duschvorhänge auftreten und man als Zuschauer 50 Minuten lang Einblicke in 20 verschiedene – und vor allem verschieden pubertäre – Badezimmer bekommt. Sie erzählen von Bad-Hair-Days, und überhaupt Haaren, die zu viel oder einfach zu mainstream sind, von Pickeln und Kleidern und von Brüsten und Heiraten und Erdbeerkuchen. Vor allem aber wird rumgeschmiert mit Cremes und Rasierschaum und Schokopudding, es werden Masken eingerieben und Sportübungen gemacht („Disziplin!“). Zwischendurch werden Lieder gesungen über allgemeine und spezielle Identitäts- und Schönheitsprobleme, beobachtende Lieder mit kritischem Hintergrund a capella mit schönen, sauberen Harmonien und mit Gitarrenbegleitung. Das funktioniert alles hervorragend und macht es zu einer schönen Revue über die kleinen und größeren Probleme des Jugendlichseins. Innen und Außen des Körpers spielen eine wichtige Rolle, es scheint ein Abend mit 20 gleichberechtigten Spielern zu sein, jeder in einem eigenen kleinen Raum mit derselben Grundausstattung – trotzdem werden einige Geschichten nicht ganz auserzählt und dadurch nicht klar genug. Was zum Beispiel der junge Mann, der fortwährend im Stylistentonfall über aktuelle Rasiertrends, Bikiniober- und -unterteile doziert, eigentlich für ein Problem und welche Motivation zu reden hat, wird nicht besonders deutlich. Das ist schade, weil er wahrscheinlich eine genauso pointierte und zielgerichtete Geschichte erzählen wollte wie etwa sein Kollege drei Nasszellen weiter, der den ultimativen Stecher gibt mit mehren Mädels gleichzeitig und flapsig-naiven Bemerkungen.

Der Zauber dieser Produktion, die auf den ersten Blick eben oberflächlich wie äußere Schönheit ist, ist aber eben jene Alltäglichkeit – und der Wiedererkennungswert . Sie versprüht denselben Charme wie der Grips-Theater-Klassiker „Linie 1“, was auch nur deshalb ein solcher Erfolg ist, weil der Zuschauer sich selbst oder Situationen erkennt, die theatral überhöht dort vorgetragen werden und sich dabei selbst eher mit einem Augenzwinkern betrachten. Dabei ist für die, die länger über die Produktion nachdenken wollen, genug Luft nach oben; sie eröffnet über dem Humor eine neue Ebene. Im Falle von „Zu schön für diese Welt“ wird darin eben das Außerhalb des Badezimmers kritisiert – nämlich das, was die Jugendlichen so perfektionistisch, essgestört und problemzonenorientiert macht. Dabei muss dieses Außerhalb nicht einmal richtig auftreten, sondern transportiert sich nur durch Episoden im Badezimmer.

Das macht es zu mehr als nur einer schnöden Weißmehlschrippe. „Zu schön für diese Welt“ ist eher eines der helleren Roggenbrötchen vom Biobäcker.

Foto: Dave Großmann