Zu nah dran?

Ein paar Fragen mit und ein paar ohne Antwort

Manchmal fühle ich ein kaltes Prickeln im Rücken, wenn ich höre, wie jemand über sich selbst spricht, so nah und so intim wie möglich. Sätze, die mit „ja, ich bin…“ anfangen oder „alles, was die Leute in mir sehen, ist…“ oder „ich habe Angst vor…“ Im ersten Moment ist mir nicht wichtig, worum es genau geht. Warum zieht mich diese Person so nah an sich ran. Warum bleibt mir hier keine Möglichkeit, aus dieser Nähe auszusteigen und meinen Abstand selbst zu bestimmen.

Die Antwort, die ich mir gebe, ist einfach. Dieses kalte Prickeln ist nur ein Bruchteil dessen, was die Person spürt, die da spricht. In der Enge der plötzlichen Intimität muss ich kurz meine Souveränität aufgeben, meinen Raum selbst zu bestimmen. Kurz wird die Erfahrung der anderen Person übermächtig, ausweglos, sodass ich fast bewegungsunfähig bin.

Meinen Abstand muss ich mir später wieder aufbauen, zum Beispiel, wenn ich nach dem Stück gestern nachdenkend im Aletto Hotel liege. Sehr viel mehr Kraft ist nötig, um sich den eigenen Raum zu erkämpfen, wenn man selbst sagen muss „Ich bin…, aber bitte sieh nicht nur das.“ Es ist nicht nur ein kurzes Aufgeben der Souveränität, aus der man sich schnell lösen kann, sondern ein Versuch, sich aus der Umklammerung einer Herkunft, eines Aussehens, eines Körpermerkmals, einer sexuellen Identität zu lösen. Diese Umklammerung entsteht dauernd beiläufig und brutal, wenn nur dieses eine Merkmal wahrgenommen wird. Um sie fühlbar zu machen, braucht es häufig die extreme Nähe, die Enge, die Intimität – auf der Theaterbühne oder beim Gespräch mit Freund*innen oder in Texten.

Aber es bleibt für mich frustrierend, dass sie nötig ist. Wie krass, dass die Person gezwungen ist, sich so transparent zu machen, nur um zu zeigen: Hier ist nichts zu fürchten. Hör auf, mich anzustarren und schau genauer hin. Sind wir wirklich angewiesen auf Einzelne, die intime Gefühle öffentlich machen, um uns Diskriminierung sehen zu lassen? Können wir wirklich erst mitfühlen, wenn jemand sich völlig entblößt? Müssten wir nicht sensibler sein?

Aber auf diese Fragen habe ich noch keine Antwort. Vielleicht finden wir zusammen eine in den nächsten Tagen.