Zorngespräch:
Keifen über Geld im Jugendtheater
(und Damien Hirst)

Ein Gespräch zwischen Fine Riebner und Felix Kracke

Wir finden Hochglanztheater sau geil und wir finden Hochglanztheater extrem ätzend. Wir lieben Geld und finden, dass Geld behäbig und hässlich macht. Wir finden, dass Jugendtheater jugendlich sein sollte und wir denken das auch nicht. Wir finden das alles polemisch und fangen an zu streiten.

FINE: Hey Felix, arm sein ist sexy. FELIX: Klar. Aber Luxus kann das auch sein. FINE: Nicht da, wo ich hinwill. Es geht doch vor allem auch um Wahrhaftigkeit. Und Wahrhaftigkeit ist Problemlösen und Luxus ist kein Problem. FELIX: Das klingt für mich alles nach Phrasen und Füllwörtern. Erstens finde ich es ideologisch zu denken, Kunst könne nur aus Ruinen entstehen. Ich glaube, dass die Umstände komplett egal sind. Es entsteht halt je nach Kontext andere Kunst. Zweitens: was soll denn bitte “Wahrhaftigkeit” sein? So in den Raum gestellt liest sich das einfach wie Kunst-Pathos. Ich möchte das ein bisschen hinter mir lassen und künstlerische Prozesse vor allem erst mal als Arbeit ansehen. Das klingt alles total unromantisch, ist aber Voraussetzung dafür, dass KünstlerInnen (gerade am Theater!) gerechte Arbeitsbedingungen haben, dass sie fair entlohnt werden, eben dass es als Broterwerb angesehen wird. Und wenn es dann so ist, dass ein Jugendclub tolle Arbeitsbedingungen hat, ist das doch erst mal toll. FINE: Ich sehe aber Kunst eben nicht, bzw. nicht nur als Broterwerb. Mit Wahrhaftigkeit meine ich: Kunst ist verdichtetes Leben und Leben ist zu einem Großteil besagtes Problemlösen. Den künstlerischen Prozess als Arbeit anzusehen ist Methode zu Produktion, sollte aber nicht deren Zweck sein. Spannend ist doch die Konfrontation, der Diskurs: du wirst da irgendwo hingestellt und hast ‘nen Raum vielleicht und ein paar Leute und die haben alle Geschichten, und die wollen vielleicht irgendetwas sagen. Dieser Prozess der Problemlösung ist für mich das spannende am Theater und Kunst entsteht eben immer auch da, wo man (aus Not) kreativ werden muss. Vielleicht ist Kunst kreatives Problemlösen. Mit einem unbegrenzten Budget und hochausgebildeten Fachkräften kannst du natürlich etwas Schönes schaffen und das hat sicherlich auch seine Berechtigung. Aber die spannenden Momente im Theater sind doch immer dann, wenn etwas nicht einfach so reibungslos funktioniert, wenn es da plötzlich Hindernisse gibt. Daraus entwickeln sich die Energien. FELIX: Das ist ja dein gutes Recht, dies und das spannender zu finden. Und zu sagen: ich brauche da eine Not, weil daraus Kreativität entstehen würde und daraus Energie und so weiter. Mir geht es einfach darum, nicht festzuschreiben zu wollen, was man darf in der Kunst und was nicht. Und nicht zu sagen, Kunst sei Problembewältigung oder verdichtetes Leben, oder immer in Not oder was auch immer. Damien Hirst macht Kunst im Materialwert von fast hunderttausend Euro. Kann er doch machen. Dich muss es ja nicht interessieren. Ich denke, dass eine Überromantisierung des Kunstbegriffes (Not, Wahrhaftigkeit, Problembewältigung) niemandem gut tut. Den KünstlerInnen nicht (weil dadurch eine Nische erzeugt wird, aus der sie erst mal wieder rauskommen müssen) und der Kunst selbst auch nicht. Weil sie sich dann Gefahr läuft, sich Realitäten zu verschließen, sich einzuigeln und um Befindlichkeiten zu kreisen. Also möchte ich sagen: macht einfach was ihr wollt, was euch interessiert, worauf ihr Lust habt. Wenn ihr Drehbühne und Nebel wollt, macht das. Ist doch super. Wenn ihr Studiobühne und keine Einrichtung wollt: auch super. Wo da Energie entsteht und das Reibung erzeugt, liegt nicht an den Mitteln. Es liegt an den Entscheidungen, die zu den Mitteln führen. FINE: Es geht halt leider nicht immer nur darum, was man will oder welche Entscheidungen man trifft, sondern oft eben auch, welche Entscheidungen überhaupt erst möglich sind und was von vorneherein nich geht, zum Beispiel aus Geldmangel. Und ich finde auch das die Theaterrealiät sich nicht nur damit beschäftigen sollte “was sie will”, dass man wenigstens auch immer im Kopf hat, was sie wollen sollte oder drüber reflektiert: Was sage ich, wie mache ich das, warum mache ich das, ist das angemessen? Vor so einem Hintergrund muss man Kunst ja auch sehen. Und wenn Damien Hirst irgendeinen Platinschädel, den er irgendwo gefunden hat und ‘nen Diamanten ruffjesetzt hat, für 75 Millionen Euro verkauft mit der Hoffnung, dass es »erbauend« sein soll, denk ick mir doch auch, in was für einer Welt leben wir eigentlich. Soll er’s halt für ‘ne Million verkaufen und den Rest verschenken oder ‘n paar Bäume pflanzen. Hat mehr mit anderen Realitäten zu tun. Weil darum geht’s doch auch: so viele Menschen wie möglich auf so vielen Ebenen wie möglich zu erreichen und da passiert dann so ein 75 Millionen Euro Ding doch eher isolationistisch. FELIX: Ich schreibe doch eben niemandem vor, was er/sie zu tun und lassen hat. Ich sage auch nicht, dass es in irgendeiner Form ein großes Budget bräuchte. Überhaupt nicht. Prinzipiell mag ich so Hochglanzproduktionen ja auch eher nicht. Aber darum gehts nicht. Es geht ja darum, dass man es machen können muss, ohne sich anhören zu müssen, man würde da die Ernsthaftigkeit betrügen. Ich glaube nämlich nicht daran, dass die Kunst ansich irgendwas will. Oder wollen sollte. Ich glaube, dass Menschen irgendetwas wollen und dafür dann ein künstlerisches Medium wählen. Nicht andersherum. Und zu sagen, 75 Millionen wären besser in Bäumen angelegt oder als Geschenk, ist ja auch nicht mehr als Polemik. FINE: Na muss ja einer machen, die Polemik.