Orbital-
botschafts-
camp

Zonen der Ratlosigkeit

Traumloser Schlaf. Mein Nacken schmerzt. Mein Mund ist trocken. Der Fernseher läuft noch. ARD. Das (T)raumschiff. Eine Speichelpfütze auf dem Tisch, dort, wo eben noch mein Kopf lag. Daneben ein voller Aschenbecher. Jean-Jacques steht vor der Tür und raucht die nächste Kippe. Der kalte Herbstwind zieht ins Orbitalcamp. Die Kastanien donnern aufs Dach, hinterlassen Beulen im Blech und Sprünge im Glas.


Alkestes will rein in die Komfortzone.


Ich schlurfe durch den Garten. Der Wind schlägt die Tür des White Cubes auf und zu. Ich will das Schloss vorhängen und sehe Leni. Sie sitzt in der Ecke und schaut auf ihre Füße. „Guten Morgen, Leni“,  sage ich. Aber keine Antwort. Leni mag das manchmal nicht – Smalltalk. Ich auch nicht. Und das ist okay. Aber heute sind alle anders drauf. Niemand grüßt. Niemand tanzt mit mir, als wir die Flagge hissen. Nicht einmal die Nachbarn beschweren sich über die laute Musik.


Kindsklar bleibt Kind, klar?


Als Jean-Jacques zwei Botschafter*innen interviewt, die nur ihre rechte Seite bewegen können, frühstücke ich auf der Terrasse ein Balisto Yoberry-Mix. Das Lilane. Dazu einen Kaffee. Ein Eichhörnchen im Baum über mir springt träge von Ast zu Ast. Und plötzlich höre ich dieses Geräusch. Das leise Knacken, wenn sich die Kastanienhülle vom Rest des Astes löst. Ich versuche noch in Deckung zu gehen, aber es ist zu spät. Die Kastanie knallt auf meinen Kopf, ich falle zu Boden. Alles taucht plötzlich wieder vor meinen Augen auf. Die Gesprächsrunden, Tweets und Livestreams. Die bunten Balken, Prozentwerte und Buchstaben. OMG. AFD. WTF. Die Mikronationalisten sitzen jetzt im Erdenparlament. Ihre Agenda: Intergalaktische Zusammenarbeit beenden. Einwanderung stoppen. Außerirdische abschieben.


Taaki tauch in Sprachbereiche ein.


Wer heute lacht, steht unter Generalverdacht. Wenn klar ist, TRAPPIST no more, wer kann dann noch lachen? Wenn ich durch den Garten laufe, mich Leute anlächeln und ein Hallo nicken, kann ich mir dann sicher sein, dass sie sich hinter ihrem falschen Lachen nicht heimlich freuen, dass ich bald meinen Job los bin? Und dass sie eigentlich ihre Ruhe haben wollen von Aliens und von anderen Sonnensystemen? Haben alle um mich herum meine Arbeit monatelang heimlich infrage gestellt und freuen sich nun, dass bald ein Ende in Sicht ist?


Antonia beantwortet die Frage, warum Menschen oft nicht aus ihrem Kopf herauskommen.


Als ich am Abend die Flagge des Orbitalcamps einhole, kreisen meine Gedanken nur um ein Thema: Golden Disc? War sowieso eine blöde Idee. Hätte eh nie geklappt. Aliens gibt es nicht. Blonde Haare sahen noch nie gut an mir aus. Ich setze an, die Flagge zu zerreißen. Das hat alles keinen Sinn mehr. Und wie der Stoff reißt, realisiere ich: Das ist das, was sie wollen. Sie wollen uns in die Knie zwingen, uns Angst machen. Wollen, dass wir von alleine aufgeben, damit sie keine Arbeit haben. Und ich merke, dass jetzt nicht die schlechteste Zeit angebrochen ist, intergalaktische Botschaften zu formulieren, sondern die wichtigste! Dass wir all das all die Monate viel zu selbstverständlich genommen haben. Dass wir uns sicher waren, dass wir es schaffen würden. Einfach so. Vielleicht brauchten wir diesen Ruck, um zu merken, wie wichtig und wertvoll das war, was wir hatten, und dass wir dahin zurück möchten und es noch besser machen wollen. Jetzt ist die falsche Zeit, um aufzuhören. Jetzt ist genau die richtige Zeit weiterzumachen, vehementer als zuvor. Kommt ins Orbitalcamp und zeigt denen, dass wir uns durch Einschüchterung nicht stoppen lassen. Und zeigt den Trappist*innen, dass die Astronauten für Distanz nur eine jener Gruppen sind, die in der kurzen Geschichte der Menschheit vom Erdboden verschluckt wurden oder sich selbst zerstört haben.

Euer Etienne Données


Titelbild & Videos: Josephine Fabian