Zeitgeist einfangen

Felice Christina Lohmann (14) und Rahmatullah Hayat (18) schreiben beide über aktuelle, politische Ereignisse. Verschiedener könnten ihre Texte „Drei Leute mit Suppe“ und „Jubel“ aber nicht sein. Wir haben mit ihnen über literarische Formen und die Notwendigkeit politisch zu schreiben gesprochen.


Felice schreibt in ihrer Kurzgeschichte „Drei Leute mit Suppe“ aus der Sicht eines Mädchens, das in einer Siedlung wohnt, in der auch eine Gruppe obdachloser Flüchtlinge lebt. Den Menschen um sie herum ist das egal. An einem Abend schaut das Mädchen aus dem Fenster und sieht die Flüchtlinge draußen im Kalten. Sie stellt fest, dass ihr diese Menschen nicht egal sind.


Ich drehe mich um und ziehe die Gardinen zu, aber mein Fenster bleibt weit offen stehen. Solche Dinge können niemals egal sein. Meine Mutter kommt herein und lächelt, bald sind wir fertig mit dem Abwaschen, wir sind ja auch nur drei Leute mit Suppe. Ja klar. Drei Leute mit Suppe und ein paar unterkühlte Flüchtlinge.

Redaktion: Felice, warum hast du diesen Text geschrieben?

Felice: Es ist wichtig, solche Themen nicht zu ignorieren. Der Text ist schon ein knappes Jahr alt. Seitdem ist die Flüchtlingskrise ein viel wichtigeres Thema geworden. Ich fand es wichtig, darüber nachzudenken und mir eine eigene Meinung zu bilden. Mich hat dabei die Perspektive interessiert: Man schaut aus dem Fenster und draußen passiert etwas, wovon man gar nicht genau weiß, was.


Rahmatullah versucht in seinem Gedicht „Jubel“ das, wovon man nicht genau weiß, was es ist, sprechen zu lassen. Er wagt den Perspektivwechsel und findet eine Sprache, die provoziert.


Komm her! Ich zeig’s dir / Frau, du primitives und verachtenswertes, gottloses, feuriges Tier / Männer setzen hier den Brand – / Jubel; / Ich bin eine Gläubige, ich sterbe nicht / in Zeit / Es ist gerechtfertigt / Es ist unser Gesetz

Rahmatullah, worum geht es in deinem Text?

Rahmatullah: Es geht um einen Vorfall in Afghanistan, wo meine Eltern herkommen. Dort wurde eine Frau schuldlos angeklagt, den Koran verbrannt zu haben. Sie wurde auf offener Straße hingerichtet. Davon hat man in den Medien hier nicht viel mitbekommen. Für mich war dieser bestialische Vorfall eine Vorlage: Bilder, Töne, Sätze, die Menschen in dieser Situation gesagt haben. Man kann sich das alles auf youtube ansehen. Ich weiß nicht, ob man so etwas überhaupt in Worte fassen kann. Ich erzähle in meinem Text nichts, ich versuche nur die Bilder, die ich gesehen habe, wiederzugeben.

Ihr habt in euren Texten völlig verschiedene Formen gewählt, warum?

Felice: Erstens liegt mir Prosa besser als andere Formen und zweitens wollte ich in meinem Text eine Thematik klar machen. In einer abstrakten Darstellung kommt die Message oft nicht rüber. Mir ging es nicht darum, einen schönen Text zu schaffen, sondern darum, eine Nachricht zu überbringen. Deswegen habe ich sehr klar und aus meiner Perspektive geschrieben.

Rahmatullah: Ich sehe das anders. Ich finde Prosa schön, ich schreibe ja auch Prosa, aber für mich ist das Geschichtenerzählen. Ich habe nicht viel zu erzählen, sondern wiederzugeben. In der Lyrik gibt es einen Situationsentwurf, ein Bild und keine Handlung mit Anfang und Ende. Lyrik ist für mich Malerei mit Sprache. Ich kann darin nicht festlegen, welches Bild die Leser am Ende in meinem Text sehen. Das kann man positiv und negativ sehen. Ich mag es, wenn jeder Leser sein eigenes Bild im Kopf hat.

Ist es die Aufgabe junger Literatur, politisch zu sein?

Felice: Es kommt darauf an, was man mit seinen Texten erreichen will. Wenn Schreiben nicht nur Zeitvertreib sein soll, sondern wenn man Menschen erreichen möchte mit dem, was man schreibt – auch Altersgenossen – dann ist es gut, über politische Themen zu schreiben. Das ist nicht unsere Aufgabe als junge Autoren, aber am Ende ist es ein schöner Nebeneffekt, wenn sich die Leser mit den Themen befassen, über die man schreibt.

Rahmatullah: Wir leben wieder in einer Zeit, in der sich Jugendliche für Politik interessieren. Ich finde das gut. Literatur hat die Aufgabe, diesen Zeitgeist einzufangen. Zeitgeist ist immer etwas abstraktes, undefiniertes, aber wir haben ein Gefühl. Das sollten wir einfangen.


Foto: Dave Großmann