Wo steh‘ ich?
Wofür steh‘ ich?

Ob uns seine Lebensgeschichte überhaupt interessiert, fragt Shahin Najafi.

Zum gestrigen Gespräch über Möglichkeiten haben die Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele den 36-jährigen iranischen Musiker eingeladen, der 2005 nach Deutschland kam. Früher wollte er Dichter werden, sagt Shahin. Das habe er aber nicht geschafft. Stattdessen lernte er Gitarre, wurde Musiker. Nach seiner Ankunft in Deutschland 2005 lebte er zunächst für drei Jahre in einem Asylbewerber*innenheim. Seine eigene Sprache sei zunächst sehr romantisch und poetisch gewesen. In Deutschland, sagt er,  sei er konkreter und vernünftiger geworden.

Im Gespräch mit Juror Ulrich Zehfuß geht es darum, wofür ein*e Künstler*in steht und wie er*sie in die Gesellschaft wirken kann. Shahin begreift sich als Underground-Musiker. Das Label eines Freundes zieht er einem Plattenvertrag vor. In der iranischen Community sei er vor allem als „Rapper“ berühmt geworden – eine Zuschreibung, der er sich allerdings widersetzt: „Ich bin kein Rapper, sondern Musiker.“

Was ihn damals dazu bewegt hat, den Iran zu verlassen? Er wollte Musik machen, sagt Shahin. Nicht nur auf Hochzeiten. Und nicht als regungslose Puppe, denn im Iran sei bei Auftritten das Tanzen verboten. „Ich wollte mich aber einfach bewegen.“

Allerdings kreist das Gespräch heute Abend weniger um Shahins Vergangenheit im Iran oder seine Ankunft und sein Leben in Deutschland. Wichtiger scheint ihm die Frage nach den Funktionen, Aufgaben und Möglichkeiten von Kunst. Diese Frage gibt er auch an das Publikum weiter. Die Preisträger*innen beantworten sie sehr persönlich, vor allem im Hinblick auf die eigene Musik: Musik kann Gedanken in die Köpfe anderer Menschen pflanzen und sie blühen lassen. Musik zeigt die eigene und appelliert an die gemeinsame Verletzlichkeit. Musik ist da, wenn Worte und Bilder nicht mehr aushelfen. Musik macht einfach Bock.

Shahin geht etwas weiter: Kunst könne Möglichkeiten erleuchten und das Publikum aufklären. Anders als Religion und Politik gebe Kunst keine Antworten, sondern liebe es zu fragen. Wenn er sein Publikum heute ansehe, sagt er, sehe er noch Hoffnung. „Denn da sind noch Fragen“.


Foto: Dave Großmann