Wir sind in Beziehungen
und es ist kompliziert

Die literarische “Nachtlektion“ im Theater unterm Dach

Durch die beiden offenen Theateruntermdachfenster klingt Vogelgezwitscher nach drinnen, eine Baumkrone ist zu sehen, eine Plattenbaufassade, ein bisschen Abendhimmel. Auf der Bühne: ein Mikro, ein Stehpult. Und ein Klavier, an dem David Erekul sitzt, kurz innehält – und dann das Publikum mit genau gesetzten Tonsprüngen hoch zur Kunst holt. „Nachtlektion“ heißt die Veranstaltung, der traditionelle Literaturabend beim Theatertreffen der Jugend (ttj), bei dem aktuelle und ehemalige FZ-Redakteure, Preisträger des Treffens Junger Autoren (tja) und in diesem Jahr zum ersten Mal auch ttj-Workshopteilnehmer eigene Texte vorstellen.

Durch den Abend führt die Theaterautorin Laura Naumann, selbst tja- und FZ-Veteranin. Als erste stellt sie Annina Brell vor. Sie verknüpft in ihrem Prosatext „Milch und Fleisch“ zunächst sprachspielerisch die Namen berühmter Männer, lässt den Assoziationsstrom aber dann in eine Liebesgeschichte münden, die vom Geschmack gekühlter Milch und kratzenden Unrasiertheiten handelt.

David Holdowanski tritt mit offenem Hemd ans Pult, rote Prozentzeichen auf Brust und Bauch. Ein menschliches Sonderangebot. „Ich will, dass ihr mich kauft“, so beginnt David seine Künstlerklage, es ist eine witzige, wütende Tirade: „Ich bin ein brennendes Schaschlik auf dem Feuer der Verdammnis.“ Da leistet man sich doch gerne eine Portion!

Dann Kheshrau Behroz. Der knallt seine Textblätter auf den Klavierkasten und räumt sich erstmal die Bühne leer: Mikro – braucht er nicht. Pult – nö. Er nimmt sich seinen Raum: „Schweigt mit mir!“ Stille. Khesrau ist Poetry-Slammer, Rampensau, sein Text: eine rhythmische, reimgesättigte Rede, ein lauter, schneller Text über Gewalt, über einen Vater, der kommt und nimmt, über eine Mutter und ihr feiges Geigenspiel – und über ein machtloses Kind, dessen Herz schlägt: „Ta-tam, ta-tam, ta-tam.“ Die Vögel zwitschern nicht mehr.

Zeit für ein neues Impro-Intermezzo am Klavier, ein Atemholen, eine neue Ansage: Julia Berlitz, Leon Frisch, Jannik Hinsch und Moritz Rüge, Teilnehmer des lyrisch-dramatischen „WortSpiele“-Workshops treten nacheinander ans Mikro, lesen je ein Gedicht, je eine Variation eines größeren Themas, inspiriert von Zeilen aus den zum ttj eingeladenen Stücken. Es sind stimmungsvolle Texte, voll mit Tod und Schuld und Blut, poetische Zwischenrufe, ein bisschen wie die Klangschnipsel am Klavier.

Und weiter. Lisanne Wiegand liest ein literarisches „Komm-her-geh-weg-Spiel“ vor, wie Laura es nennt, eine Freundinnengeschichte über Neugierde und Schweigsamkeit, über Vertrauen und Distanz, über ein „Ich schlafe woanders“ und eine verschlossene Schublade und den Schlüssel dazu.

Was zwischendurch auffällt: Die Jugendlichen in den Erzähltexten an diesem Abend sind in Beziehungen und es ist kompliziert. Man kommt genauso wenig nah an sich selbst heran wie an andere. Zu viel los im Kopf. Oder im Leben.

Oder auch: im eigenen Körper. Die Figuren, die Lena Stange in ihrem Romanauszug vorstellt, leiden unter Langeweile und beängstigenden Ausschlägen, sie beschäftigen sich mit wenig mehr als sich selbst, das aber sehr genau: „Edelkastanienblütengeruch“ des Spermas? Check. Bei aller Lust am medizinischen Fachvokabular wollen die Kids aber eigentlich dann doch gar nicht so genau wissen, welche Krankheit sie eigentlich haben. Hauptsache, sie halten sich unter Beobachtung.

Die Fenster im Bühnenhintergrund werden geschlossen, es ist inzwischen dunkel draußen. Das Publikum spiegelt sich in den Scheiben, Robert Stripling tritt auf. Ein Performer, zurückhaltend, aber effektiv. Seine Prosa entzieht sich ständig, genau wie sein Vortrag, sein Gesichtsausdruck. Ausdrückliches, leeres Starren. Oder Grinsen. Diese trauriglustige Literatur will immer weiter weg – und bleibt gerade darum im Gefühl: „Au revoir, schönes Leben!“ Das ist pathetisch, ironisch, zerbrechlich, hinterhältig. Und absurd – wie der selbstgeschnitzte Kaktus aus Erlenholz, gespickt mit Zahnstocherstacheln, „für jeden Dorn benötigt es eine Bohrung“. Als Geschenk aus Liebe ist er gedacht. Und wird, vielleicht, zur grausamen Waffe.

Intermezzo! David spielt „Mein kleiner grüner Kaktus“, kongenial und wunderbar, bevor Olga Galicka einen Text über „Abschied und Dorfdisco“ vorliest, und da passt es dann wieder: ein Mädchen, der Typ an der Bar, sie trinkt was mit ihm, „eigentlich ist es ja auch egal“. Weil: Bald ist sie weg, irgendwo anders. Irgendwie leben. Was bleibt: Ein Aneinandervorbeifühlen, eine Unentschiedenheit, ein Immerweiter ohne klares Ziel: „Sie winkt zum Abschied.“ Man würde sich wundern, würde sie eine Postkarte schreiben. Höchstens eine Rundmail.

Auch die Protagonisten in Lydia Dimitrows szenischem Text wollen weg. Die beiden Mädchen wollen ans Meer. Oder an den See. Jetzt oder nachher. Der Junge will los und den Namen „Dorothea“ an Wände und Mülltonnen sprühen Es ist ein Sehnsuchtsslogan, ein Traum, der von der Realität eingeholt wird, wenn da auf einmal ein echter Mensch ist, der eben auch da ist: „Ich küss dich jetzt.“ – „Okay…“ Zusammen mit Hannes Wolf und Moderatorin Laura liest Lydia die Szene, und singt am Ende! „My heart is beating like a jungle drum“, geht es immer wieder, ein fröhlicher, optimistischer Abschluss des Abends, wiederum aufgenommen von David am Klavier, inklusive Getrommel auf dem Kasten. Applaus, Applaus. Laura kommt noch mal ans Mikro: „Fertig!“ Im Festivalzelt gibt es Freibier.