What happened thursday at the Probebühne? Einmal Shreddern!

Das Format “Parallelwelten” hat am Donnerstag einen wunderbaren Workshop zu Shreds angeboten, in dem die Shred-Expertin Carlotta Joachim mit zwei unterstützenden Händen die Interessierten sanft in diese bisher doch noch exotische Kunstform eingeführt hat.

Was sind denn nun Shreds? Shreds nehmen Musikvideos berühmter Idole und vertonen das ganze neu, und viel viel schlechter.

Ein Shred kann zum Beispiel einen Lang Lang mit sülzend erhabenem Blick zeigen, in einer vollen, aber unmotivierten Konzerthalle unsensibel einfach spielt und peinlich mitsummt (siehe hier). Je synchroner der neue Ton auf das Bild passt, desto täuschender wird es – Und das ist oft ganz schön lustig, vor allem wenn man die Originalversionen kennt. Carlotta Joachim beschrieb es als die Freude, Denkmäler anzupinkeln.

Klar trifft es nicht jeden Humor. Auch im Workshop entbrannte die Debatte, was denn nun abstoßender sei: Die erhabenen, selbstverherrlichenden Gesichter der „Stars“, oder die geschmacklose Verarsche durch die Shreds mit Pupsgeräuschen und Naseputzen…?

Naja, soviel erstmal zu „Was ist ein Shred“.

Am Anfang des Workshops erzählte die Referentin über die Geschichte der Verbindung von Visuellem und Musik: DaVinci hat erstmals Tönen Farben zugeordnet, später brachte die Werbung Ton und Bild zusammen (vermenschlichte, sich bewegende Produkte sind attraktiver), bis dann wirklich Musikvideos entstanden, mit dem Fokus die Musik zu verstärken und teilweise auch die Botschaft auszubauen. Die Zeit von Viva & MTV wurde dann irgendwann von youtube abgelöst, and here we are, in der heutigen Zeit.

Nur die Klassik, die Klassik… wie ist es in der Klassik mit der Verknüpfung von Bild und Ton? Irgendwie gibt’s da keine Musikvideos. Vielleicht weil die Musik geschrieben wurde, als es noch keine Videotechnik gab? Und die Klassik so konservativ ist, dass sie keine neuen Einflüsse akzeptiert? Shreds gibt es von Pop wie von Klassischer Musik, wobei sich die Klassik durch die ihr inneliegende Steifheit und Humorlosigkeit sehr anbietet, aufs Korn genommen zu werden.

Das haben wir dann auch im zweiten Teil des Workshops auch zusammen gemacht! Wir haben einen Auftritt von Anne-Sophie Mutter & Lampert Orkis neu vertont, wie sie eine Mozart-Sonata für Geige und Klavier spielen.

Wir waren ungezogenes Publikum im klassischen Saal, Stuhlrücker, imitierten zu lange Fingernägel des Pianisten auf der Klaviertastatur. Wir interpretieren das „an die Nase fassen“ des Pianisten als letztes Schnäuzen vor dem Losspielen, und das dramatische Handheben als Gruß an die Mutti. Das selige Wiegen der Geigerin wurde durch ein Knarzen der Diele unterlegt, als sie sie eine Tonne schwer – ach ja, auf einmal wirkt die Szene nur noch halb so heilig!

Dabei sind die Shredder meistens gar nicht ganz so anti. So wie Carlotta Joachim und mitgestaltende Geiger David Gorol die klassischen Stücke absichtlich schlecht nachgespielt haben, sind die beiden seelisch und könnerisch von der Klassik gar nicht weit weg. Am Ende schloss sie damit, dass die Shreds zwar hauptsächlich witzig sind, aber auch eine Aussage in sich tragen. Braucht Klassik Humor? Und geht es beim Musik machen nicht eher um Zusammenspielen anstatt um die Anhimmelung von Stars?

Ich stelle mir vor wie Carlotta Joachim, wenn sie diesen Text liest, spöttisch lacht, weil so oft ihr Name drin steht. Auch gute Shreds wollen Weile haben – Der gestern gezimmerte Shred wird voraussichtlich Anfang Dezember fertig. Das wird richtig gut schlecht!