Wenn du nicht mehr da bist:
Hakenschlagendes
Lausebengel-Theater

Die Berliner/innen sagen groß Adieu von allem und scheuen keinen Kitsch, aber fuck: war schön.

Abschied nehmen und Vollgas geben, die Parkauer Clique geht auseinander und ein letztes Mal gemeinsam auf die Bühne, verabschiedet, wer nicht auf Drei gestorben ist. Vom Intendanten Geld ergaunert, für ein Projekt an der Grenze von Video-Diaries, Trauerprozession und Familienklatsch. Vom kürzest angebundenen „Tschüss“ bis zum tränentrunkenen Sterbenlassen vergehen bei den Berliner/innen nur Minuten. Der Bogen gespannt von Belanglosigkeiten zu größten Themen – man hört Musik, die man dazu eben hört, schamlos von den Toten Hosen über Jeff Buckley, die vermeintlich wichtigsten Sätze auf gut Dünken ins Mikro geernstet. Dass da keine Peinlichkeit entsteht bzw. manchmal doch und dass es dann aber nicht schlimm ist, liegt wohl am Ensemble, das Meisterschaft darin entwickelt hat, im Spagat zu stehen zwischen Jugendclub-Fingerübungen und glücksspendenden theatralen Momenten, dass die B-Note auf Höchstwertung ausschlägt und in der A-Wertung anderthalb Augen zugedrückt werden.

Hakenschlagendes Lausebengel-Theater, das weiß, was es tut und will, was es kann. Ein frecher Jungs- und Mädchenscherz, unter die anfängliche Befindlichkeit zu streuen, Jugendclub-Companion Felix wäre gestorben, dessen Trauerzeremonie man hier begehe, in die Kamera gesäuselte Widmungen, mit feuchten Augen gesprochene Bekenntnisse. Quicklebendig natürlich ist er, der Felix, bloß in Amerika gewesen, Training an Akzent und Style, voll im Saft.

Davor wurden Bestatter durchtelefoniert, Geister beschworen, allerhand unternommen, um diesen Frechdachs-Tod wenigstens gedanklich zu bezwingen. Da wird gedacht auf der Bühne, geplappert und verworfen, natürlich alles schwer gescripted, ausgedacht, gebaut, aber vom Ansatz her doch die vollkommene Bühneneroberung. In der, der abgeschmackten Formulierung zum Trotz, etwas verhandelt und zum Ende gebracht wird, in der die Bühne zum speaker‘s corner mit Effekten wird. In seltener Symbiose die Spieler/innen als Typen gleichwertig dem Ensemble, gleichwertig dem Abend, Charme-Offensive stattgegeben. Als im grande finale die Mütter/Väter/Großmütter des Ensembles auf der Bühne erscheinen und die Debatte verdoppeln, verdreifachen, ist die allgemeine Harmonie nicht mehr aufzuhalten. Emotional zur Geisel genommen, ja – aber letzter Tag, dritter Wein, you got me.

Foto: Dave Großmann