Welches meiner möglichen Leben will ich leben?

Peer Gynt ist kein einfaches Werk. Denn klar, in uns allen steckt ein Stück Peer, aber wie sehr darf sich Peer auf der Bühne verlieren? Von Sophie Stroux

Wohl jede*r kennt einen realen Peer Gynt, und doch habe ich bereits mehrere Inszenierungen von Schauspielhäusern gesehen, die dem Stoff nicht habhaft werden konnten. Familie Rangarang dagegen gelingt es, die Figur Peer zu erfassen und ein überzeugendes Stück zu schaffen. Ein Frauenheld, der sich sich selbst maßlos überschätzt, der sich beständig und krankhaft größer träumt, als es seine Verhältnisse erlauben, das ist Peer – diesmal in multipler Ausführung, verkörpert von allen Spieler*innen des Ensembles.

Für viele Lacher im Publikum sorgt der Auftritt der Trollprinzessin; ein Schauspieler, durch Polster unterm Kostüm mit extremen Kurven ausgestattet. Die Szene ist offenbar nur als Witzeinlage gedacht, nach dem abgeschmackten Motto: „Männer in Frauenklamotten sind per se lustig“. Abgesehen von dieser Szene verhandelt das Ensemble Peer Gynt mit einem angenehm feministischen Blick. Oft stoßen mir in alten Stücken frauenfeindliche und rassistische Themen auf. Wie also Peer Gynt inszenieren ohne die problematische Rolle der geraubten Braut, der ewig wartenden Solveig und der
geschwängerten Trollprinzessin zu übernehmen?

Familie Rangarang kürzt viele der problematischen Szenen, besetzt Solveig bis kurz vor Ende nicht einmal und räumt dann radikal mit der Figurenkonzeption auf. Was sei das eigentlich für ein Frauenbild, fragt das Ensemble, warum soll die Frau jahrelang nichts anderes tun, als zu warten – noch dazu auf jemanden, der es wirklich mit jeder treibt? So ist die Dekonstruktion von Solveigs Rolle als immer wartende Frau ein starkes Statement am Ende, das sich organisch aus dem Stück ergibt.

Die Idee, Peer mit mehreren Schauspieler*innen zu spielen, überzeugt besonders in der Szene, in der Peer an sich selbst zweifelt. „Welcher Peer hat die Wahrheit?“, „Was ist an mir Peer und wo ist ein Peer wie ich?“ und „Will ich da sein, wo ich bin, und bin ich hier richtig?“ Hier hat mich die Figur Peer berührt, wurde greifbar, verletzlich – also alles, was in Peers Macho-Rolle leider selten zu sehen war.

EINE ZWIEBEL FÜR ALLE
In der Textvorlage von Henrik Ibsen ist die Szene mit der Zwiebel eine der stärksten – in der Inszenierung der Familie Rangarang leider nicht. Während Gynt im Text tragisch beklagt, er sei wie eine Zwiebel ohne Kern, scheitert die Metapher in der Inszenierung. Denn zum Schluss wird Peer nicht mehr nur vom ganzen Ensemble verkörpert, sondern auch vom Publikum, von der Gesellschaft.

Ja, Peer ist auch Prophet und Sklavenhändler, Liebender und Betrogener, Peer ist voller gegensätzlicher Lebensrollen. Aber die Ausweitung auf das Publikum kommt ebenso unvermittelt wie die Begriffe, mit denen die Schalen der Zwiebel außerdem aufgeladen werden. Peer ist auch AfD-Wähler, Kommunist und Kapitalist, erzählen die Spieler*innen beim Schälen der Zwiebel. Woher kommt das? Der Clou der Zwiebel-Metapher ist ja nicht, dass eine Zwiebel alles gleichzeitig sein kann, sondern dass sie Schicht auf Schicht übereinander trägt, ohne einen Kern zu haben. „Wer bin ich?“ ist zwar die folgerichtige Frage, aber der entscheidende Twist mit dem fehlenden Kern wird in der Inszenierung ausgelassen.

Noch ein Problem dieser Szene: Bei Ibsen geht es um Rollen, nicht um Weltansichten. Rollen übernehmen wir jede Menge im Leben, Weltansichten eher nicht. Ich könnte zum Beispiel eine kommunistische Partei wählen und ein Prophet sein – oder eine solche Partei wählen und Atheist sein. Das schließt sich nicht gegenseitig aus. Die Erweiterung des Ibsen-Texts um AfD-Wähler*innen und Kapitalist*innen betreibt eine fragwürdige Gleichmacherei von Weltsichten.

Alle sind Peer, und jede*r ist auch Teil jedes Ensemblemitglieds – diese Szene wäre ein starker Schluss gewesen, der die Inszenierung folgerichtig beendet hätte. Doch Being Peer Gynt verfällt am Ende dem Kitsch und überfällt das Publikum mit der Aufforderung, Händchen zu halten. Soll das heißen: Wir sind alle Peer und deshalb alle Idioten – oder keine*r von uns ist Peer und wir haben alle nochmal Glück gehabt? Vielleicht ist eine Prise Größenwahn à la Peer ganz gut, um sich zwischen Rollen im Leben zu entscheiden.