„Sesperado“:
Weißsein ist
eine Denkstruktur

„Sesperado“ ist die Comic-Version eines klassischen Lehrstücks: Es wird erklärt, illustriert und plakativ vorgeführt, aber mit Spongebob-Song und Biene Maja-Referenz. Es wirkt wie der Versuch einer witzigen, schnellen, leicht verständlichen, popkulturellen Einführungsstunde in Critical Whiteness.

Gleichzeitig wird es durch die anspruchsvollen Texte in einer sehr akademischen Uni-Welt verortet: Fachterminologien, Fremdwörter und wissenschaftliche Begriffe werden mit der Handlung vermischt. Der Anspruch, möglichst inklusiv zu sein, zeigt sich, indem komplexe Phänomene immer wieder einfach erklärt werden, es erinnert mich zum Beispiel an den Stil der Internetseite „Everyday Feminism“.

Wenn riesige Theorien und politische Zusammenhänge so stark vereinfacht werden, ist es natürlich unmöglich, der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Realität gerecht zu werden. Das stellt aber gleichzeitig eine Gefahr dar, sich inhaltlich und politisch selbst zu unterlaufen und angreifbar zu machen, wenn mit diesem Widerspruch nicht auch ironisch gespielt wird. Jahrzehnte politischer Entwicklungen, Kämpfe, etablierte Gesellschaftsstrukturen und kritische Theorien in 60 Minuten zu erklären und auch noch Lösungsansätze zu liefern, ist nicht realisierbar. Gleichzeitig ist das Stück natürlich auch Präsentation einer Gegenrede, eines Ortes, an dem Machtverhältnisse umgedreht werden und Revolution fantasiert und gespielt werden kann, um sich zu ermächtigen.  

Der unerwartete Twist: Am Ende legitimiert sich das Stück inhaltlich und politisch genau dadurch, dass eine weiße Person nach dem Schlussapplaus tatsächlich aufsteht und eins zu eins genau die weißen rassistischen Verhaltensweisen spiegelt, die seit einer Stunde Thema des Stücks gewesen sind. Wichtig finde ich, das nicht als eine „psychologische“ Einzelreaktion zu lesen (es haben übrigens auch Leute applaudiert), sondern es zu analysieren als Teil des Systems, das Rassismus aufrechterhält: Täter-Opfer-Umkehrung, „Reverse Racism“, White Fragility, White Tears, Derailing – das alles sind bereits existierende soziologische Begriffe (die übrigens auch im Stück erklärt wurden), die genau das beschreiben, was am Ende passiert ist.

Ich habe das Stück gestern zum zweiten Mal gesehen; ich war bei einer der vorherigen  Aufführungen im „Heimspielort“ der Autodidakt*innen, im Ballhaus Naunynstraße. Ein Theaterstück ist kein abgeschlossenes Produkt, kein „Ding-an-Sich“, sondern es ist genauso kontextabhängig, „sozial konstruiert“ und damit politisch wie alles andere. Es gibt kein „unpolitisches“ Theater. Der Unterschied zwischen den beiden Aufführungen ist enorm.

Gestern hatte ich ein beklemmendes Gefühl im Theatersaal, als spürte ich alle Kubikmeter Luft um mich herum. Es gab keine Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Anders als im Ballhaus, wo ich eine der wenigen weißen Personen war. Das Ballhaus Naunynstraße ist meiner Meinung nach an sich schon ein politischer Ort. Es ist bekannt als empowerndes Theater, es bezieht klare politische Stellung und hat Community. Allein schon da zu sein, kann Affirmation und Ermächtigung bedeuten.

Das Haus der Berliner Festspiele bedeutet das in meinen Augen nicht. Es hat eine traditionelle, konservative Geschichte, es wird finanziert vom Bund. In der Vergangenheit kam es hier mehrfach zu antirassistischen Interventionen. Ich sehe das Haus der Berliner Festspiele auch als einen Ort, der „Hegemonie“ repräsentiert: ein bisschen, als würde man im Herzen des Imperiums spielen, um es mit Star Wars auszudrücken. Es gehört zu den Kulturveranstaltungen des Bundes, ist damit ein staatliches Haus, unterschreibt aber zum Beispiel auch die Kampagne My Right is Your Right, die sich gegen die Fortführung des europäischen Kolonialismus, Europas Grenzen und das Lagersystem einsetzt. Der Widerspruch wohnt dem Haus schon inne.