We want you to panic!

Der TjA-Blog im Gespräch mit Aufregungsexpertin Traudel Traube.

Ganz ehrlich: Ihr seid uns viel zu abgeklärt. Keine Tränen, keine Schießereien im Aletto, stattdessen sitzt ihr ungerührt in der Kassenhalle und schreibt Lyrikminiaturen auf Klebezettel. Geht’s noch? Wisst ihr überhaupt, womit ihr es hier zu tun habt? Expertin Traudel Traube hat uns aufregende Fakten über die Lesungen beim TjA verraten.

BLOG: Traudel, schön dass du Zeit gefunden hast.

TRAUDEL: Für die Bundeswettbewerbe doch immer. Hab ich schon erwähnt, dass ich 1988 selbst fast zum TjA eingeladen worden wäre?

BLOG: Noch nicht, aber anscheinend kam es dann doch anders.

TRAUDEL: Ja.

BLOG: Gut, wollen wir dann anfangen?

TRAUDEL: Nur zu.

BLOG: Okay. Also: Wenn man die diesjährigen Preisträger*innen wenige Stunden vor der Lesung beobachtet, hat man fast den Eindruck, dass allmählich eine neue Generation die Kassenhalle erobert: Eine, die es gewohnt ist, mit erhobener Stimme auf die Straße zu gehen, die gehört werden will und gern mal zum Pflasterstein greift.

TRAUDEL: Tatsächlich ist es nicht mehr wie früher, als beim TjA Gespräche grundsätzlich nach zwei Minuten beendet waren, wenn sie nicht von unseren Undercover-Moderator*innen am Leben erhalten wurden. Neuste Studien haben ergeben, dass sich literarisches Schreiben und ein intaktes Sozialleben nicht mehr grundsätzlich ausschließen. Trotzdem würde ich nicht von einer neuen Generation sprechen. Die diesjährigen Preisträger*innen sind nur geschickter darin, ihre Aufregung zu verbergen.

BLOG: Woran machst du das fest?

TRAUDEL: Immer der Nase nach! Riechst du das? Bei Stressschwitzen versagt jedes noch so gute Deo.

BLOG: Ich rieche nichts.

TRAUDEL: Vielleicht liegt es daran, dass du aufgeregt bist. Du hast noch nicht so ein Interview geführt oder?

BLOG: Wie dem auch sei: Welche Tipps hast du gegen Lesungs-Lampenfieber?

TRAUDEL: Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt: Sich richtig an der Bar wegkoffern bis man sich nicht mehr an die peinlichen Momente erinnern kann. Aber das wird dieses Mal schwierig. Vorhin wollte eine Preisträgerin ihren Getränkegutschein für Apfelschorle einlösen. Apfelschorle!

BLOG: Und?

TRAUDEL: Wein ist am effektivsten weil man wegen der fehlenden Kohlensäure in derselben Zeit mehr runterbekommt.

BLOG: Ich meinte eigentlich die Tipps.

TRAUDEL: Ach so. Das TjM in allen Ehren, aber wenn einen psychotische Keyboard-Intermezzi verunsichern, sollte man definitiv Ohropax mitnehmen. Ein altbewährter Trick ist auch, sich vorzustellen, dass das Publikum sich vorstellt, man sei nackt. Allgemein sollte man möglichst viele Kleidungsstücke ablegen, wenn man aufgeregt ist. Ansonsten hilft es, sich zu verinnerlichen: Die Moderation ist definitiv unvorbereiteter als man selbst. Merkt man auch gerade wieder.

BLOG: Was kann man tun, wenn man einmal im Verunsicherungsstrudel gefangen ist?

TRAUDEL: Du meinst die Angst vor dem ersten Ton, der garantiert zu laut, zu leise oder einfach gar kein Ton ist? Da sollte man einfach ganz bewusst aufhören dran zu denken. Das Blatt ist wellig von deinen feuchten Händen? How care you! Aufregung hat ja auch etwas Positives: Man erlebt die Zeit viel gedehnter und intensiver. Man sollte es genießen, sich selbst beim Lesen zuzuhören. Und wenn man es nicht genossen hat, kann man immer noch auf eine Adrenalin-Amnesie hoffen oder gleich auf Kokain zurückgreifen.

BLOG: Ist das nicht etwas übertrieben?

TAUDEL: Es ist das TjA! Du glaubst nicht unter welch enormem Druck die Preisträger*innen stehen. Ich hab ja selber fast mal hier gelesen. Da spielen sich herzzerreißende Szenen hinter den Kulissen ab: Die Familie zu Hause braucht den Vorschuss für den Debütroman, um sich Essen kaufen zu können. Wortdiebstahl. Der RBB ist da. Es ist wie das Dschungelcamp nur mit Kaviar.

BLOG: Bisher machen die Preisträger*innen einen sehr harmonischen Eindruck.

TRAUDEL: Ich bitte dich. Es ist ja kein Geheimnis, dass eine Hälfte der Preisträger*innen nur eingeladen wurde, damit die andere Hälfte besser dasteht. Da fragt man sich natürlich bis zu Lesung: Zu welcher Seite gehöre ich. Das klärt sich am Buffet aber relativ schnell, wenn die einen die Vertragsdetails klären während die anderen Blumenkohlsalat ins Pissoir kotzen.

BLOG: Kannst du die Hand bitte dort wegnehmen?

TRAUDEL: Herzklopfen, Schweißausbrüche, nervöses Kratzen am Mundwinkel: Wie aus dem Bilderbuch.

BLOG: Traudel, dein wievieltes Glas war das?

TRAUDEL: Hast du auch so Bock auf Russische Eier und Quiche Lorraine?

BLOG: Ich glaube, wir beenden das Interview an dieser Stelle. Traudel, danke für deine aufschlussreichen Tipps.

TRAUDEL: Und immer tief durchatmen!