Ways of Seeing

1. Berlin leuchtet

Nachts leuchtet in Berlin-Wilmersdorf rotes Licht. Ein rotes, auf seiner schmalen Seite stehendes Rechteck, das ungefähr die Proportion und Maße eines Bilderrahmens für ein klassisches Repräsentationsportrait hat, leuchtet. Das neue Logo der Festspiele leuchtet in die Wilmersdorfer Nacht. Wahrscheinlich gibt es alles Mögliche über dies Logo zu sagen, es steht in einer langen Tradition roter Rechtecke; sagen wir das rote Quadrat bei Kandinsky, Malewitsch, als zu schwingende Fahnen in verschiedensten politischen Zusammenrottungen des letzten Jahrhunderts. Im Segelsport bedeutet eine zwischen 3 und 9 Uhr geschwenkte rote Fahne, dass man manövrierunfähig ist. All diese roten Rechtecke sind gefüllt, und das macht natürlich einen ziemlich großen Unterschied.

Der Festspiele-Rahmen ist leer, man kann durch ihn durch Richtung UdK gucken. Und man kann ihn ausfüllen, wie man will, wenn man will. Oder man kann hinaus wachsen oder wuchern oder fallen, wenn man will. Oder ihn sprengen, das sagt man doch so. Dazu sind Rahmen da. Dazu sind Theaterfestivals da. Dazu seid Ihr hierher eingeladen.

2. Wie durch einen Rahmen oder durch trübes Glas

Früher, als man noch Theater machte, was aussehen sollte, wie Teile eines Lebens, also zu einer Zeit vor dem Kino (wo Illusionen wegen der Entkopplung von Objekt und Zeit bzw. Objekt und Bewegung als Zeit- und Bewegungsbild und Zeichen einfach besser funktionieren als auf einer Bühne, wo Publikum und Dargestelltes ihre Zeit teilen), baute man Bühnen wie Räume, bei denen eine Wand fehlt. Was wiederum eine Konvention des 19. Jahrhunderts ist. Vorher wurde beliebig innerhalb, außerhalb, neben der Rolle gespielt und an der Rampe a part gesprochen. Das Publikum saß auf bequemen Klappsesseln, auf rotem oder nachtblauem Samt und klatschte vor der Pause und nach dem Stück und ging dann nach Hause.

Seit damals haben verschiedene Leute verschiedene Versuche unternommen, das Theater davon zu befreien, naturalistisch zu sein, haben Wände und Umgrenzungen und Rahmen zu Kleinholz verarbeitet oder das versucht. Man hat politische und künstlerische Manifeste verlesen, sich V-effektiv von Rollenerwartungen und Rollenbildern befreit, dem Publikum die bequemen Sessel in gut geheizten stuckierten Theatersälen weggenommen und sie über Stunden in modrigen Kellerlöchern stehen lassen und manchmal eher gelangweilt und gequält statt unterhalten, erbaut oder sonst irgendwie weitergebracht.

Das (großstädtische) Publikum spielt mit, meistens. Man holt sich eine Erkältung in zugigen Industrieruinen und Kellerlöchern und sagt nachher kluge oder zumindest klug klingende Dinge über Brecht, Adorno, die Kulturindustrie, Yves Klein, diverse Fallhöhen von divers hohen Metaebenen der Reflektion, die Postmoderne und (post-)dramatisches und (post)performatives Theater. Dabei versuchen die Zuschauer, den Staub von ihren Jacken zu klopfen, und trinken neuartige Mix-Getränke auf der Basis blauer italienischer Soda-Pops. Wobei natürlich eine gewisse Tendenz zum Sitzen auf Samt, ja, nunja –

3. And now for something completely different

Wenn nun alles geht, wenn der Mensch als Künstler nun alles tun kann, auf dem Theater, muss der Mensch als Zuschauer auf dem Theater neue Wege zu gucken finden. Wenn man aktiviert wird, wenn man in ein Stück/ eine Aktion/ ein Happening/ oder was auch immer einbezogen wird, wenn man nicht mal die Ticketkontrolle am Eingang als sicher (also gegeben und nicht Teil einer wie auch immer gearteten zu rezipierenden künstlerischen Aktion) annehmen kann, wenn die Kunst also aus dem Rahmen läuft oder alle Rahmen sprengt oder das zumindest will oder kann oder soll, dann muss der Zuschauer, dann muss ich als Zuschauer Wege finden, Neues nicht am Alten zu zerreiben, Worte finden, um es zu beschreiben und Kategorien, um es zu vergleichen. Aber das ist ein anderes Problem. Das erste, unmittelbarste und damit zunächst wichtigste Problem ist, dass der Zuschauer Zuschauer (einer wie auch immer postmodernen postperformativen Sache) bleibt, und dabei Verantwortung trägt. Die Verantwortung des Zuschauers besteht darin zuzugucken. Er kommt und bezahlt seine Eintrittskarte und guckt zu und klatscht am Schluss und geht wieder nach Hause. Immer noch.

Inwieweit man sich in die Performance einbeziehen und instrumentalisieren lassen darf, wie und ob und wann man seine Begeisterung während des Stücks ausdrücken kann, sind sensible Probleme. Im Umgang mit diesen Problemen hat der Zuschauer diese Sensibilität zu beweisen. Der Zuschauer muss sensibel gegenüber des Geschehens auf der Bühne sein, um das Geschehen nicht zu zerstören, und sensibel gegenüber den Bedürfnissen der anderen Zuschauer, um deren Zugucken nicht zu stören. Und sensibel genug, um zu merken, wann es gut ist, sich eben nicht an Konventionen des Ruhighaltens, Sitzenbleibens und Zuschauens zu halten. Das ist dann die hohe Kunst des Zuguckens und die Kunst ist eine zarte Pflanze, das Kunsterleben ist noch viel fragiler. Ist man nicht so sehr sensibel, sollte man sich an die Rahmen der allgemein üblichen Konventionen für Theaterbesucher halten: nicht grölen, nicht pfeifen, nicht türenschlagend rausgehen, nicht essen, nicht klatschen, bis es auch alle Anderen machen.

Weil Rahmen nicht nur zum Sprengen da sind. Rahmen bieten auch Schutz.