Was ist ein politischer Essay?

In dem Workshop „Der politische Essay“ ging es Deniz Utlu heute darum, eine Sprache für das Politische zu finden, die das Argument nicht scheut, aber poetisch darüber hinausgehen darf. Es gab Diskussionen und eigene Schreibversuche. Doch was ist eigentlich ein Essay, und was macht ihn politisch? Ein Essay über den politischen Essay als Form.

Der Essay als Versuch

Essay heißt Versuch. Ein Versuch kann scheitern. Auch ein scheiternder Versuch kann erfolgreich sein. Selbst wenn ein Essay nicht zu einer abschließenden Antwort findet, wird er die Debatte weiterbringen, wenn er nur aufrichtige Gedanken auf nachvollziehbare Weise formuliert, den Denkprozess des Verfassers*der Verfasserin offenlegt, neue Fragestellungen entdeckt. Ein Essay kann alles sein und dadurch gut werden. Er wäre selbst dann gut, wenn er uns nur die Umöglichkeit, ein bestimmtes Thema vorurteilslos zu besprechen, vorführt.

Der Essay als Hybrid

Der Essay ist ein Hybrid. Anders als Lyrik oder erzählende Prosa greift der Essay auf Argumente zurück, um Thesen zu belegen oder zu widerlegen. Anders als (viele) journalistische Texte oder Wissenschaftsprosa darf er dabei durchaus auf erzählerische Elemente und Metaphern zurückgreifen. Das Publikum darf nicht nur durch logische Schlüsse, sondern auch durch Identifikation, durch geschickte Dramaturgie, sogar durch Mitgefühl überzeugt werden. Der Essay darf an Emotionen appellieren. Ästhetik und Argumentation stehen in einem produktiven Verhältnis.

Der Essay als verschriftlichte Freiheit

Ein Essay darf alles, was der Vorführung des Denkprozesses dient. Der Essay ist, selbst wenn er politische Themen verhandelt, immer persönlich, denn er legt nicht einfach die Meinung des Essayisten*der Essayistin offen, sondern auch den Weg, der ihn*sie dorthin geführt hat. Das erfordert Mut; denn es macht den*die Verfasser*in nicht nur sachlich, sondern auch persönlich angreifbar. Andererseits gibt es keine ehrlichere und präzisere Form, den eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Wissenschaftsprosa, Interviews und Talkshows legen den Akteur*innen hohe Beschränkungen auf, sich dem Format und nicht zuletzt ihren direkten Gesprächspartner*innen anzupassen. Im Essay hingegen bestimmt der*die Verfasser*in die Regeln und ist der*die einzige, der*die – im eigenen Interesse – auf ihre Einhaltung zu achten hat. Im Essay dient alles dem Zweck, den der*die Verfasser*in verfolgt. Der Essay ist verschriftlichte Freiheit.

Manipulation durch Emotionalität?

Doch ist es vom Appell an Gefühle und Emotionalität noch weit bis zur Manipulation? Ist es fair, Thesen durch emotionale Szenen abzusichern, die jeden sachlichen Widerspruch als gefühlskalt oder sogar unmenschlich diffamieren würden? Das kann nur geschehen, wenn der*die Verfasser*in sich selbst oder sein Publikum betrügt, indem Emotionalität instrumentalisiert wird, um über schlechte Argumente hinwegzutäuschen und unwahre Thesen zu plausibilisieren; indem wahre Begebenheiten nicht um ihrer selbst willen, sondern nur zur Illustration wiedergegeben werden, vereinnahmt, verfälscht oder frei erfunden werden; indem überhaupt These, Argument und Emotion nicht von selbst zusammenpassen, „zusammenfinden“, sondern durch Verkürzung, Erweiterung oder Umdeutung, also durch Manipulation „passend gemacht“ werden müssen. In diesem Fall muss die Emotionalität jedoch von außerhalb des Essays manipulativ kontaminiert werden, ohne dass die Beziehung zwischen Emotion und Manipulation deshalb eine zwingende wäre.

Negatives Scheitern

Im negativen Sinn scheitern kann ein Essay nur auf diese Art: wenn der*die Verfasser*in sich oder sein*ihr Publikum betrügt. In diesem Fall kann einerseits der Vorwurf der Manipulation zutreffen. Andererseits ist die Debatte damit auch im besten Fall nicht weitergebracht. Der Essay sollte also keineswegs als Möglichkeit betrachtet werden, eine bestimmte These oder Meinung zu plausibilisieren. Der Essay ist vielmehr das Abbild einer Meinungsbildung und -begründung.

Der politische Essay

Was macht einen Essay politisch? Zum einen: dass er selbst publik gemacht wird. Zum Anderen: die Themenwahl. Was überhaupt als politisch zu gelten hat, könnte das Thema eines eigenen Essays sein. Grob lässt sich sagen, dass politisch ist, was notwendig alle angeht. Der politische Essay ist also einer, der sich automatisch an alle richtet, weil sein Gegenstand alle betrifft. Als Form steht der Essay insbesondere denen offen, die in einem Thema über keine ausgewiesene Expertise verfügen, da er nicht auf eine fachlich befriedigende, abschließende Antwort angewiesen ist. Für einen erfolgreichen Essay ist es ausreichend, ein möglicherweise nur grundsätzlich informiertes, daher aber für jede*n und eben nicht nur Expert*innen nachvollziehbares Nachdenken abzubilden. In einer Demokratie ist der politische Essay als Form daher beispiellos wertvoll, nicht als Mittel abschließender Beantwortung, sondern initialer Befragung; nicht als Sprachrohr für (wie gut auf immer abgesicherte) Expertenmeinung, sondern als Leitplanke der Meinungsbildung, nicht als Instrument der Beendung, sondern sondern als Basis eines aufgeklärten Diskurses.