Warum wir offen reden können

Warum wir offen reden können

Was schon passiert ist und was schleunigst passieren muss

 

Vor allem ab den 1960er-Jahren wurde der Austausch über sexuelle Praktiken und Vorlieben immer mehr Teil des Alltags. Selbstbestimmte weibliche Sexualität und Lust wurde zum ersten Mal anerkanntes Element im Leben einer Frau, über das sie selbst verfügen konnte.

 

Auf der anderen Seite wurde in diesem neuen, offen sexuellen Auftreten auch ein großes kommerzielles Potenzial gesehen und sexualisierte Frauenkörper immer häufiger für die Vermarktung von Produkten eingesetzt. Weibliche Sexualität wurde anerkannt, aber gleichzeitig kommerziell benutzt. Das ist ein wichtiger Unterschied. Das eine ist ein selbstbestimmtes Bekenntnis zur eigenen Sexualität, das andere eine sexualisierende Objektifizierung innerhalb einer asymmetrischen Machtverteilung.

 

Es gründeten sich neue feministische Bewegungen, die gegen die vorherrschenden patriarchalen und kapitalistischen Strukturen arbeiten wollten. Gleichzeitig fanden persönliche, weibliche Erfahrungen und Stimmen zum ersten Mal einen Platz in der Kunst, nachdem diese zuvor überwiegend als trivial und unwichtig abgetan wurden. Der eigene Körper wurde zum künstlerischen Ausdrucksmittel. Performancekunst verbreitete sich als künstlerische Praxis.

 

Leider lässt die historische Dokumentation und die heutige Repräsentation von Künstlerinnen, besonders von Künstlerinnen of Color, immer noch zu wünschen übrig. Dabei sind Vorbilder so wichtig. Was lässt sich am schnellsten dagegen tun? Sich selber informieren und das Wissen weitertragen.

 

Also einmal bitte Ecosia öffnen oder ab in die Bibliothek und loslegen: Bilder gucken, Texte lesen und Videos schauen – Coco Fusco. Senga Nengudi. Maren Hassinger. Ana Mendieta. Dindga McCannon. Lygia Clark. Lorna Simpson. Judy Chicago. Yoko Ono. Faith Ringgold. Marina Abramović. Betye Saar. Faith Wilding. Howardena Pindell. Valie Export. Adrian Piper. Carolee Schneemann. Pussy Riot. Ewa Partum. Marta Minujín. Suzanne Lacy … The list goes on and on.

 

Wir haben es all diesen Prozessen, all diesen Menschen zu verdanken, dass wir heute Texte über Periodenblut auf der Bühne hören, dass es Instagram-Accounts gibt, die gemalte Bilder von Vulven posten, dass wir über Sexualität und Verlangen offen reden können, wenn wir es wollen.

 

Aber auch all das findet noch in verschiedenen Rahmen der Akzeptanz statt, die es in unserer Gesellschaft Menschen viel schwerer machen, ihre Erfahrungen hörbar und sichtbar zu machen, wenn sie zum Beispiel keine weiße Haut oder eine Behinderung haben. Das muss sich schleunigst ändern. Mit diesem Phänomen der verschiedenen Diskriminierungs-Achsen, die auf eine Person zutreffen und sie dadurch vielseitig einschränken können, beschäftigt sich intersektioneller Feminismus. Bei dem Konzept der Intersektionalität wird davon ausgegangen, dass Diskriminierung die verschiedenen Differenzen selbst erschafft.

 

Eine Frage die sich mir persönlich im Bezug auf intersektionellen Feminismus immer wieder stellt: Wie breche ich die vielen festen Kategorien und Unterteilungen von Menschen oder Geschlechtern in binäre Systeme generell auf – und arbeite gleichzeitig kritisch an den Problemen, die innerhalb dieser Systeme vorherrschen? Dazu muss ich innerhalb dieser Kategorien vorgehen. Ich glaube, es ist schwierig, zu sagen: „Wir sollten einfach alle Kategorien auflösen und für die Gleichberechtigung aller Menschen kämpfen.“ Versteht mich nicht falsch, natürlich müssen wir für die Gleichberechtigung aller Menschen kämpfen, aber um dahin zu kommen, müssen wir erst einmal die verschiedenen Diskriminierungs-Achsen anerkennen und aufheben. Ich glaube, dass sich die Kategorien dadurch zwar nicht direkt auflösen, aber dass sie dadurch unwichtig werden.

 

Lisa