Warum gendern?

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Gestern waren Boiband bei uns zu einem Gespräch über das Aufbrechen und Erweitern von gesellschaftlichen Normen, Geschlechterkategorien und das Verständnis von Männlich- und Weiblichkeit im Rahmen der Musik und darüber hinaus – und es kamen Fragen auf.
Was ist queerer Feminismus? Was ist Effemination? Was hat das alles überhaupt mit Musik zu tun? Und für mich die Frage: Warum ist es eigentlich so wichtig, in der Sprache die Vielfalt der Geschlechter zu berücksichtigen, warum gendern?

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Heute morgen sollte ich einen Arbeitsvertrag ausfüllen, in dem ich als Auftragnehmer und die Geschäftsführerin und der Intendant zusammengenommen als Auftraggeber bezeichnet wurden. Ich selbst bevorzuge das Pronomen sie, wenn über mich gesprochen/ich in dritter Person adressiert werde, nicht er.

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Ich weiß, es scheint auf den ersten Blick, auf den ersten Gedanken hin vielleicht eher unwichtig, wir wissen doch alle, dass nicht nur Männer* gemeint sind, irgendwie klingt’s besser ohne die Pause beim Sprechen und schneller geht es auch. Aber seit einem Jahr studiere ich jetzt Soziolinguistik und heute fällt mir auf, dass ich in diesem Jahr doch ein paar Sachen gelernt habe, die das ganze Thema mit ein paar guten Erklärungen unterfüttern können. Hier also ein paar Informationen und Gedanken, die auf keinen Falls als Zeigefinger, sondern eher als freundliche Einladung verstanden werden sollen, die ich vor ein paar Jahren selbst gut hätte gebrauchen können.

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Es ist verständlich, dass es erst einmal umständlich und ungewohnt, nicht mehr nur noch das generische Maskulinum zu benutzen (die maskuline Form eines Wortes, die die anderer Geschlechter mit einschließen soll), aber so ist es mit allen Erneuerungen. Als Angela Merkel im November 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt wurde, konnte sich zunächst niemand vorstellen, sie nicht als Bundeskanzler zu betiteln, sondern eben als Bundeskanzlerin. Heute ist dies selbstverständlich. Seit mehreren Jahren gibt es nicht mehr nur noch Krankenschwestern (ein Beruf, der früher nur von Frauen* ausgeführt wurde), sondern Krankenpfleger*innen. Es wurden also sogar schon ganz neue Berufsbezeichnungen eingeführt, um alle Geschlechter mit einzuschließen. Eine Anpassung der Sprache findet bereits statt und ist möglich. Alles ist Gewöhnungssache.

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In der Linguistik gibt es die Sapir-Whorf-Hypothese, die besagt, dass die Sprache das Denken formt, bestimmt und beschränkt, genauso, wie sich das Denken auf die Formulierung und Ausführung von Sprache auswirkt. Die Muttersprache einer Person gibt demnach Denkmuster und Weltbilder vor und beeinflusst verschiedene Teilbereiche des Denkens.

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Verhält es sich in der erlernten Sprache nun so, dass bestimmte Geschlechteridentitäten sprachlich nicht explizit ausgedrückt werden, so beeinflusst das das Denken.
Wenn ein Mensch zum Beispiel immer nur von Arbeitsgebern, Abteilungschefs, Intendanten oder Professoren hört, beeinflusst das das Denken in dem Sinne, dass sich die Person in diesen Berufspositionen eher einen Menschen männlichen* Geschlechts vorstellen kann. Entspricht das Geschlecht der hörenden/lesenden Person nicht dem männlichen*, so stellt das ein Problem dar. Es fällt schwerer, sich selbst in einer dieser Positionen zu sehen, unterbewusst wird die Person vielleicht mit dem Gefühl behaftet, sie selbst könne es nicht in so eine Position schaffen.

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Sprache wirkt sich nicht nur auf das Denken und das Denken auf die Sprache aus, nach Searles und Austins Sprechakttheorie ist Sprache gleichzeitig auch Handlung. In dem Moment, in dem ich eine Aussage treffe, wird aktiv eine Realität hergestellt, in der Welteinstellung und -auffassung enthalten sind. Eine Aussage ist wirklichkeitskonstituierend, es liegt eine große Macht in ihr, die nicht zu unterschätzen ist.

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Wenn immer nur eine Geschlechteridentität in der Sprache verwendet wird, hat dies auch eine Auswirkung auf das Selbstverständnis von Menschen, die sich nicht als männlich* oder weiblich* betrachten, sondern zum Beispiel als trans*, inter* oder genderfluid. Viele Menschen sehen Gender (das soziale Geschlecht) nämlich nicht als fest strukturiert und binär (männlich*/weiblich*), sondern als flüssig, beweglich, es liegt an dem Individuum, zu bestimmen, wie es sich zugehörig oder nicht zugehörig fühlt, wie es sich identifiziert oder nicht identifiziert.

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Menschen, für die es sowieso schon schwer ist, von der Gesellschaft im Bezug auf ihr Geschlecht hin anerkannt zu werden und für die es einen großen Energieaufwand darstellt, sich immer wieder erklären und legitimieren zu müssen, sehen sich in der Sprache womöglich nicht repräsentiert. Sprache wirkt sich in dem Sinne auch auf das Gefühl von Akzeptanz aus. In diesem Fall kann das ausschließliche (im wahrsten Sinne des Wortes) Verwenden einer männlichen* Form eine nicht-Akzeptanz gegenüber Andersgeschlechtlicher implizieren, wenn auch wieder nur unterbewusst.

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Das männliche* Geschlecht ist in der deutschen Sprache immer noch das dominierende. Das kann dazu führen, dass sich Menschen, die sich mit einem anderen Geschlecht als dem männlichen* identifizieren, ausgeschlossen, benachteiligt oder unbeachtet fühlen — obwohl sie meistens von der Verfasser*in mitgemeint sind. Es kann jedoch nie davon ausgegangen werden, dass das, was eine Person meint, auch genauso von einer anderen Person aufgefasst wird. Die Erwartungshaltungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation sind verschieden, die Illokution (Absicht, Intention der Sprecher*in hinter einer Aussage) wird nicht immer gleich verstanden.

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Eine einfache Möglichkeit, um diese Missverständnisse zu umgehen und alle Geschlechter einzuschließen, ist, Gendersternchen zu verwenden. Das Gendersternchen steht hierbei nicht nur für die Geschlechter männlich* und weiblich*, die in unserem dualistisch geprägten Denken (das ebenfalls im engen Zusammenhang mit der Sprache steht) oft im Vordergrund stehen, sondern auf alle Geschlechteridentitäten, mit denen sich Menschen identifizieren.

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Ich glaube, dass es kein dominierendes Geschlecht geben sollte, sondern eine Gleichberechtigung und Anerkennung aller Geschlechter. Und diese Gleichberechtigung fängt in diesem Fall bei der Sprache an. Sie hat das Potential, eine Denkweise zu konstituieren, in der Menschen jedes Geschlechts beachtet, respektiert und direkt gemeint werden. Sprache verändert sich ständig, sie entsteht durch die Menschen und passt sich ihren Bedürfnissen an — weil sie von ihnen benutzt und formuliert wird. Das Einbeziehen mehrerer Geschlechter ist eine Form des Respekts. Eine Sprache, in der bewusst auf die vielen verschiedenen Geschlechter und Identitäten der Menschen geachtet wird, führt zu einem geschärften Bewusstsein, einer erhöhten Achtsamkeit im Denken und Handeln. Und das sind Eigenschaften, die für ein menschliches Miteinander grundlegend sind.

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Ich bin selber erst vor einem Jahr Stück für Stück in die Materie eingetaucht, ich mache selber viel falsch, bin ganz und gar nich allwissend und habe noch viel zu lernen, aber ich versuche, zuzuhören und Ideen und Gedanken anderer Menschen eine unvoreingenommene Chance zu geben. Ich glaube, das können wir alle, Stück für Stück. Let’s go!

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