Von Teddys und der Theodizee

Vom Allerkleinsten zum Allergrößten: Die Inszenierung „Erste letzte Menschen“ handelt von Zeugs und vom Universum, von Räuber Hotzenplotz und dem, was uns menschlich macht. Am stärksten ist das Stück, wenn es ganz bei sich und den Performenden bleibt. Von Tong Mao

In „Erste letzte Menschen“ erzählen zwölf Jugendliche und junge Erwachsene sich gegenseitig und ihrem Publikum Geschichten: Geschichten, die ihnen widerfahren sind, Geschichten, die sie oder andere erfunden haben, und Geschichten, die verschiedenen Religionen und Volksglauben entstammen. Es geht um sie selbst, aber perspektivisch eben auch um die „ersten letzten Menschen“. Man spricht daher nicht nur über die profanen Begebenheiten des Alltags, sondern auch über die Heiligtümer der Religion.

Das Bühnenbild spiegelt die Mischung der Themen wider. Auf der Bühne liegt ganz viel Kram, „Zeugs“, wie eine Darstellerin in einer späteren Szene sagt: Puppen, Stofftiere, Figuren, ein Plastikschwert, Masken, Maschinengewehre, Pistolen, aber auch eine Modellkirche, ein Kreuz. Mehrmals räumen die Performer*innen die Anordnung dieser Objekte um. Und mehrmals verwandeln sich einzelne von ihnen für einen kurzen Augenblick in ein Requisit, das dazu genutzt wird, eine der Geschichten nachzustellen.

Die Stärke des Stücks: Es lässt den Performer*innen Zeit, ihr eigenes Tempo zu entwickeln und aufeinander einzugehen. Es ist völlig okay, sich zu versprechen, sich zu verhaspeln, denn sowas passiert eben beim Sprechen. Es ist auch völlig okay, das eigene Ding zu machen, sich so zu bewegen, wie es einem liegt. Das zeigt eine kurze Tanzeinlage: Jede*r macht die Bewegungen so gut wie sie*er es eben kann. Es geht nicht darum, dass jemand besser Rad schlagen kann, sondern dass jede*r das Rad auf
ihre*seine Art schlägt oder einfach eine andere Bewegung macht, die gerade passt.

Auch achten die Performer*innen darauf, was für ein Tempo ihre Mitperformer*innen einhalten möchten. Da gibt es zum Beispiel die Szene, in der einer der Performer allen den Zahn präsentiert, den man ihm in einer Prügelei rausgeschlagen hat. Als er den Zahn wieder einstecken möchte, wird er angestupst und mit einer kleinen Geste darauf hingewiesen, dass er den Zahn noch nicht allen gezeigt hat. Vielleicht ist diese Szene einstudiert. Doch das nimmt ihr nichts von ihrer Wärme: Hier auf der Bühne stehen Menschen, die aufeinander achten.

FRAGERUNDE MIT GOTT
Und weil sie so aufeinander achten, sind die besten Geschichten die, an deren Erzählung alle Performer*innen beteiligt sind. Da ist zum Beispiel die witzige Szene, in der eine Performerin die aufs Wesentliche reduzierte Geschichte des Räuber Hotzenplotz vorliest, während ihre Mitperformer*innen Plakate hochhalten, auf denen sich das Vorgelesene schriftlich nachvollziehen lässt. Witzig ist sie zum einen, weil der Text des Räuber Hotzenplotz in dieser reduzierten Variante völlig verfremdet und lyrisch verdichtet anmutet. Zum anderen, weil sich dabei die Überforderung der Mitperformer*innen beobachten lässt. Die Vorleserin unterbricht sich häufig, setzt immer wieder neu an, pausiert, um einen Schluck Wasser zu trinken. Da fällt es den anderen schwer, zu genau dem richtigen Moment das richtige Plakat hochzuhalten. Doch sie schaffen es. Die Szene ist chaotisch, aber sie fällt nicht auseinander.

Genauso gut klappt die Interaktion der Performer*innen in der Szene, in der sie nachspielen, wie Gott (dargestellt von einem Performer) eine der schwersten Fragen überhaupt beantworten muss: Warum lässt Gott zu, dass Leid passiert? Zunächst beginnt die Szene holprig, der Monolog über den freien Willen des Menschen und den Willen Gottes klingt gestelzt; die ersten Fragen an Gott erinnern mich an Arbeitsblätter aus dem Religionsunterricht. Doch je länger sich die Szene entwickelt, desto schlichter, naiver und purer werden ihre Fragen. Die Performer*innen eignen sich auf der Bühne das große Thema der Theodizee an und das funktioniert erstaunlich gut.

 

Doch das gilt nicht für jede der Szenen, in denen sich die Darsteller*innen Geschichten von den ganz großen Fragen erzählen. Da wäre zum Beispiel der Monolog, in dem eine Performerin davon erzählt, dass alles aus „Zeugs“ besteht: die Requisiten zum Beispiel und das Pappplakat auf der Bühne; und auch wir selbst, das Publikum und das Ensemble. Der Monolog bleibt auf einer abstrakten Ebene, ganz im Gegensatz zu den Geschichten vom verlorenen Zahn, zum Räuber Hotzenplotz und zur Rechtfertigung
Gottes. Die philosophische Rede wirkt fremd und aufgesetzt, so, als spreche sie nicht mit und für die Mitperformer*innen und das Publikum, sondern ausschließlich für das Publikum.

Problematisch finde ich auch die Geschichte über die menschliche Opfergabe in Indien. Sie hinterlässt bei mir einen unangenehmen Nachgeschmack von Exotismus und verwirrt mich: Ist das überhaupt eine Geschichte? Wer hat sie erzählt? Von wem haben die Performer*innen sie gehört? Was soll dadurch bei mir ankommen? „Erste letzte Menschen“ wäre intensiver gewesen, hätte das Stück auf Geschichten wie diese verzichtet. Das Stück ist da am stärksten, wo es ihm gelingt, Geschichten zu erzählen, die einfach so für sich stehen.