Vom Zeugs und den Menschen

Das Ensemble vom Jungen Schauspiel Frankfurt zeigt, wie Geschichten Relevanz gewinnen, indem sie den Spielenden wichtig sind – und wie Theater durch die Kraft der Performance einen eigenen Raum schaffen kann. Von Rebecca Heims

Was haben „Rapunzel neu verföhnt“, Räuber Hotzenplotz und die erste Nahtoderfahrung gemeinsam? Auf den ersten Blick erstmal nicht viel. Diese Dinge wären auch nicht sonderlich besonders oder bedeutsam, würden sie nicht von jemandem erzählt, der sie für absolut essentiell hält. Genau das tun die Schauspieler*innen der inklusiven Theatergruppe vom Jungen Schauspiel Frankfurt. Sie nehmen die Bühne, breiten darauf jede Menge Requisiten aus (darunter Teddybären, ein Helm und eine Nachbildung der Nofretete) und nennen alles erst einmal: „Zeugs“.

Alles sei von Grund auf erstmal Zeugs, erklärt eine Spielende, zumindest wenn man es auf sein Kleinstes runterbreche. Auch der Mensch. Und da sitzt nun das Ensemble mit dem Zeugs, während ein Schauspieler anfängt, mit einem weißen Marker eine weiße Box um die Bühne zu ziehen. Seine Arbeit unterbricht er immer mal wieder, um dem Publikum zu erzählen, dass er eine Box besitze. Und diese Box sei voller Geschichten. Nur sehen dürfe man sie noch nicht.

Also erzählen erstmal alle anderen eine Geschichte, die für sie relevant und wichtig ist. Die echt ist. Dabei verleihen sie dem Theaterraum eine eigene Dynamik. Sie nehmen sich Zeit und Ruhe. Wenn jemand den Text vergisst, bauen sie kurz Kontakt auf und warten, bis er*sie den Faden wieder gefunden hat. Eine Schauspielerin möchte gerne ein paar Schlucke Wasser trinken, während sie die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz liest, und das Ensemble nimmt sich die Zeit. Das macht das Theater auf eine bezaubernde Weise frei von künstlich erzeugten Illusionen. Wenn die Spielenden in andere Rollen schlüpfen, markieren sie das klar, etwa indem sie sagen: „Ich bin das Pferd, ich schnappe euch“.

Besonders begeistert mich, wie das Ensemble die Geschichten der Spielenden harmonisch zusammenhält. Jederzeit habe ich das Gefühl, sie möchten mir das, was sie erzählen, wirklich erzählen und sie vertrauen darauf, dass ich zuhöre. Je weiter das Stück voranschreitet, desto häufiger fragen die Spielenden nach ihrer Identität. Wer bin ich? Wieso bin ich so, wie ich bin? Und wie war die Entstehungsgeschichte der Welt überhaupt? Schnell wird klar, die Spielenden haben verschiedene Erklärungen für die Entstehung der Welt und des Menschen, nur eine Art Gott ist der gemeinsame Nenner.

DAS THEATER ALS BOX MIT GESCHICHTEN
Einen besonderen Eindruck hinterlässt bei mir der Monolog von Caecilia. Sie spricht davon, wie sie in ihrem Leben ständig verschiedene Rollen eingenommen hat, um den Vorstellungen anderer gerecht zu werden. Sie sei im DS-Kurs, also sei sie Schauspielerin. Ihr Freund trenne sich von ihr, weil sie bestimmte Eigenschaften nicht habe, also sitze sie im Café und denke, sie verstehe Sartre.

Vor lauter Rollenerfüllung weiß Caecilia am Ende gar nicht mehr, wer sie als Person eigentlich ist: „Ich stehe jetzt gerade vor euch, und ich bin ein Bild. Und ich male, und ich male, und ich male. Und im nächsten Moment bin ich ein anderes Bild. Und dann wieder ein Bild”.

Caecilia ist es auch, die den von einem Spielenden verkörperten Gott fragt: „Wieso offenbarst du dich jetzt auf dieser Bühne?“ Valentin wiederum möchte von Gott wissen: „Warum sind Menschen böse?“ und wird genauso wie die anderen Spieler mit einer denkwürdigen Antwort konfrontiert: „Der Mensch ist frei denkend. Er kann tun und lassen, was er will.“ Der Dialog mit einem fiktiven Gott ist auf bestechende Weise tiefgründig, ohne fordernd zu sein. Das Ensemble gibt mir nicht das Gefühl, dass ich mich jetzt auf anstrengende Weise mit den großen Fragen der Menschheit befassen muss, sondern es lässt mich an seinem Lösungsprozess teilhaben.

Magisch aufgelöst wird die Szene mit der Frage, ob möglicherweise irgendwann ein Spiegel vor die Zeit gehalten werde und alles dadurch wieder rückwärts läuft. Was, wenn der Mensch aber nicht weiß, ob er sich gerade auf dem Hinweg oder Rückweg befindet? Am Ende des Stücks hat Valentin mit dem weißen Marker die Bühne einmal rechteckig umrahmt. Über das ganze Stück hinweg hat er von seiner Box mit Geschichten erzählt, und nun kommt mir der Gedanke, dass diese sagenumwobene Box das Theater selbst sein könnte, das Ensemble, das Zeugs und die Geschichten.

Und diesen Theaterraum hat die Gruppe mit ihrer Energie und mit ihrem vertrauensvollen Miteinander so intensiv bespielt, dass sie mich an etwas erinnert haben: Manchmal ist es gar nicht wichtig, ob ich als Zuschauerin die Geschichte, die Spielende mir erzählen, als allgemein relevant empfinde. Denn sie wird allein dadurch relevant, dass sie für die Spielenden wichtig ist.