Vom Sprechen und Handeln

Warum wir nicht nur in globalen Dimensionen argumentieren sollten und wie wir kommunizieren können, um Veränderung von unten zu fördern.

Die psychologische Distanz, mit der wir Ereignisse wahrnehmen, beeinflusst unsere  Selbstwirksamkeitserwartung. Gemeint ist damit die Überzeugung, als Individuum Situationen erfolgreich bewältigen und beeinflussen zu können. Etwas ausrichten zu können, auch und vor allem über rein persönliche Entscheidungen hinaus.
Im Englischen wird oft auch von locus of control gesprochen – dem Ort, an dem die Kontrolle liegt. Wenn wir diesen Ort als sehr weit von uns entfernt erleben, sorgfältig bewahrt in den oberen Etagen internationaler Unternehmen und eingewebt in diffuse Vorstellungen von Globalisierung und Kapitalismus, weit weg in jedem Fall von unserem persönlichen Wirkungskreis, dann sinkt auch die Bereitschaft, uns für ein Ziel einzusetzen.

Warum Kraft investieren, wenn ich als einzelne*r ohnehin nichts verändern kann? Wenn ein weltweites Netzwerk aus Wirtschaft und Politik mit viel Macht sich keine Mühe gibt; wenn ein Unternehmen an einem Tag mehr Ressourcen verbraucht, als ich in einem Jahr, einem Leben, einsparen kann?

Natürlich kann eine einzelne Person nicht die globalen Strukturen der Weltwirtschaft aushebeln. Natürlich ist es wichtig, dass große Verursacher*innen globaler Ungerechtigkeit und Klimaverschmutzung Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen und es endlich nachhaltiger und gerechter gestalten. Natürlich gibt es ein Machtgefälle zwischen denjenigen, die die Probleme verursachen und jenen, die von ihren Auswirkungen betroffen sind. Davor die Augen zu verschließen oder diese Unausgewogenheit wegzurationalisieren, kann kein Weg sein.
Aber auch: Natürlich können einzelne Menschen, die sich zu vielen zusammenschließen, Druck auf globale Akteur*innen ausüben – wenn sie davon überzeugt sind, etwas bewirken zu können.

Ob ein Mensch das Gefühl hat, Einfluss auf gesellschaftliche Ungerechtigkeit oder Klimaerwärmung ausüben zu können, hängt vor allem mit der wahrgenommenen sozialen Distanz zusammen: Sind diejenigen, die etwas verändern können, mir ähnlich? Ist der „Ort der Kontrolle“ meiner eigenen Position nahe?
Die Entscheidungsträger*innen eines großen Unternehmens dürften von den meisten Menschen als sozial sehr weit entfernt erlebt werden. Die Kontrolle ist außer Reichweite; das eigene Handeln scheint wirkungslos. Verantwortung muss ich in dieser Situation also nicht übernehmen. Besser lebe ich mein Leben so angenehm wie möglich und schimpfe ab und an auf „die da oben“.

Wir können nicht erwarten, dass Menschen sich für die Veränderung komplexer und oft abstrakter Strukturen einsetzen, wenn ihnen ständig vermittelt wird, dass sie ohnehin nichts ausrichten können. Insbesondere dann nicht, wenn die Wirkung möglicher Aktionen sehr verzögert eintritt und positive Veränderungen erst sehr viel später sichtbar werden.

Dabei ist Commitment auf individueller Ebene wichtig. Unser alltägliches Handeln prägt nicht nur Angebot und Nachfrage, sondern auch das gesellschaftliche Klima. Unsere tagtäglichen Entscheidungen beeinflussen, was in einer sozialen Gruppe erwünscht ist oder nicht gutgeheißen wird. Wie stark der Anspruch gestellt wird, dass jede Person Verantwortung für alle anderen übernimmt.
Und am Ende sind es auch Menschen – also Individuen, die in ebenjenen Gesellschaften sozialisiert wurden und von ihren Normen geprägt sind –  die in privilegierten Positionen Entscheidungen über große Struktur- und Systemveränderungen treffen. Wenn ein*e Dreijährige*r in einer Gesellschaft aufwächst, in der die Rücksicht auf die Umwelt und zukünftige Generationen einen zentralen Wert darstellt, wird sie*er auch später als CEO eines großen Unternehmens nach Grundsätzen des nachhaltigen Miteinanders handeln.

Als Ursache von Ungerechtigkeit alleinig abstrakte, globale Strukturen zu nennen, fördert das Versinken in zynischer Passivität geradezu.
Die gute Nachricht: wahrgenommene Distanz kann sich durch die Art, wie wir über Dinge sprechen, verändern. Wir können Individuen stärker in den Fokus rücken und davon ablassen, globale  Machtverhältnisse als einzige Erklärung für gesellschaftliche Phänomene anzuführen und die Verantwortung auf übermächtig erscheinende, unerreichbare Instanzen abzuschieben. So wird Menschen ein Gefühl von Einflussmöglichkeit und Kontrolle vermittelt, statt ihre Bedeutungslosigkeit zu betonen.

Und wer davon überzeugt ist, dass ihre*seine Handlungen Wirkung zeigen, wird viel eher Verantwortung übernehmen und auch als einzelne*r Initiative zur gesellschaftlichen Veränderung ergreifen.

 

Lea