Vier Menschen, Licht und eine Bühne

Anne, Hale, Béla & María von RANDomAPPLAUSe aus Bremen hat keine 20 Minuten gedauert, scheint mir aber am Tag darauf immer noch nicht vorbei zu sein.

Anne, Hale Béla und María spielen mit der Zeit. Sie brauchen dazu nicht viel: Es gibt einen einzelnen Song, der mehrmals eingespielt wird. Es gibt zwei Lichtstimmungen. Der Bühnenboden ist weiß. Die T-Shirts der Tänzer*innen sind weiß. Es gibt Nebel, der im Verlauf des Stücks langsam verfliegt. Das reicht.

Über weite Strecken ganz ohne Musik werden zunächst von den Tänzer*innen einzeln elementare Bestandteile einer eigenen Bewegungssprache entwickelt, die schlicht und einleuchtend sind. Trotzdem folgen sie keinen mir bekannten Mustern.

Die einzelnen Bewegungen wirken auf mich so individuell, dass ich mir übergriffig vorkomme, wenn ich sie mit meinen Worten beschreibe. Nur so viel:

Die Bewegungen werden einzeln und abstrakt in den wohltuend kargen Bühnenraum gestellt. Dort stehen sie ganz für sich, aus Faszination an der Bewegung selbst. Mühelos. Das Stück ist nicht verständlich, sondern selbstverständlich. Mir kommt beim Zusehen nichts naheliegender vor als die eigene Bewegungssprache zu erkunden wie Anne, Hale, Béla & María.

Eine der Tänzerinnen sitzt ungefähr bis zur Hälfte des Stücks nur am hinteren Rand des weißen Tanzbodens und beobachtet die anderen, wie sie zueinander finden, um gemeinsam architektonisch anmutende Körperskulpturen zu bilden, sie kurz zu halten und wieder aufzulösen. Dann steht sie auf, geht auf die anderen zu, begegnet ihnen zunächst noch fremd und vorsichtig, ist aber bald mit ihren eigenen Bewegungen Teil der Skulpturen.

Durch das häufige Verharren in diesen scheint die Zeit immer wieder angehalten, um den Zustand der intimen, behutsamen, bedrängenden oder irritierenden Nähe genau wahrzunehmen. Auch ich im Publikum darf daran teilhaben – und komme mir erstaunlicherweise nicht wie ein Eindringling vor. Es scheint die Tänzer*innen gar nicht zu kümmern, dass sie vor vollen Sitzreihen tanzen.

Erst jetzt, am Tag darauf, wundere ich mich über die Freiheit, die sich das Ensemble erarbeitet hat: Freiheit von Narrativen, vom Schielen auf den Effekt, von Kitsch – und scheinbar von den Regeln der Zeit, die normalerweise gelten. Die Frage, ob hier improvisiert oder einer Choreographie gefolgt wird, stellt sich mir während des Stücks nicht und kommt mir später sogar völlig irrelevant vor. Jede Bewegung im Stück wirkt brandneu und in erster Linie aus Neugier ausgeführt. Ich kann mir sofort vorstellen, dass die Tänzer*innen auch ohne Publikum so tanzen und sich genauso aufmerksam gegenseitig zuschauen würden.

Die Inszenierung erhebt keinen Anspruch auf Abgeschlossenheit. Nach der kurzen Performance gehe ich nicht übersättigt von Eindrücken oder Botschaften sondern wacher als zuvor, mit einer neuen Sensibilität. Ich lasse mich noch für einen Moment von meinen Eindrücken halten, bevor der Alltag weitergeht.