Viele sein

Das 40. TTJ wurde mit dem Stück „real fake“ des Import Export Kollektivs am Schauspiel Köln eingeleitet – und einem Appell gegen Diskrimierung und für mehr Akzeptanz. real fake” bietet Einblick in vielseitige Realitäten und macht deutlich, dass wir alle mehr als nur eine Rolle leben.

Ein Mensch steht auf der Bühne, dahinter die Porträts anderer, projiziert auf eine Leinwand und ineinanderfließend. Jemand stellt ihm Fragen, während er Namen aufzählt: seine Namen, die Namen der Personen, die „in ihm drin“ leben. Es sind intime Fragen, man könnte auch sagen – übergriffige: Woher weißt du, wer du wirklich bist? Wann hast du bemerkt, dass mit dir etwas nicht stimmt? Kennst du all die Leute, die in dir sind?

Und der Mensch vor der Leinwand, als Projektionsfläche dieser Fragen, antwortet. Versucht geduldig seine Wahrnehmung, seine Wirklichkeit zu erklären. Erzählt von den verschiedenen Charakteren in seinem Inneren, von seinem Mehrere-, seinem Multipel-Sein. Von seinem Leben als System verschiedener Personen. Er gibt Einblicke in eine Realität, von der er lange nicht wusste, dass andere Menschen sie nicht teilen. Dass sie sich immer als eine Person wahrnehmen.

Irgendwann laufen weitere Schauspieler*innen durchs Bild, quer über die Bühne, bleiben stehen und verteilen Zuschreibungen: Nein, das bin ich nicht – doch, das bist du. So bist du…

Through the looking glass

Meine erste Reaktion auf diese Szene des Stücks „real fake“ des Import Export Kollektivs Köln war Freude. Freude darüber, dass neben den sehr persönlichen Einblicken in rassistische, (hetero)sexistische, und andere Diskriminierungserfahrungen auch das Leben als Viele-Mensch dargestellt wird. Denn selbst in Kreisen, die für Rassismus, Sexismus, Transphobie etc. sensibilisiert sind, wird über das Viele-Sein selten gesprochen – zumindest ist das mein Eindruck. Ich selbst habe erst vor ungefähr einem Jahr Perspektiven kennengelernt, die dass Viele-Sein nicht pathologisieren, sondern als eine weitere Lebensrealität und Seinsform annehmen.

Und das ist die große Leistung dieses Stücks: Uns Lebensrealitäten näherzubringen, die wir aus unser eigenen Position heraus nur sehr schwierig, vielleicht auch gar nicht wirklich verstehen können. Die wir zwar respektieren können, aber doch nicht nachzufühlen vermögen. Sei es in alltäglichen (für manche unsichtbare) Situationen der Diskriminierung oder im Inneren, im Aufbau unserer Persönlichkeitsstruktur. „real fake“ ermöglicht es uns, von den Geschichten der Schauspieler*innen zu lernen.

Vom Zuhören und Sprechen

„Ich bin ein Teil von vielen Individuen, die für die Außenwelt sichtbar in einem Körper existieren.“, schreibt die Bloggerin Ela, die auf vieleleben.jimdofree.com Einblicke in ihr Leben als Viele-Mensch gibt. Ähnlich beschreibt die Figur ihr Multipel-Sein. Es ist der einzige Moment im Stück, in dem intime Fragen wie jene nach der Identität beantwortet und nicht hinterfragt, als übergriffig und diskriminierend entlarvt werden. Deshalb bleibt bei mir neben der Freude über diese seltene und ausnahmsweise nicht dramatisierende Darstellung des Viele-Seins auch ein mulmiges Gefühl zurück. Wieso antwortet der Mensch so geduldig, wenn im Stück alle anderen übergriffige Fragen klar als solche markiert werden? Vielleicht ist es hier nötig, um möglichst vielen Menschen den Zugang zum Thema zu ermöglichen. Denn um sensibel über etwas sprechen zu können, ist ein Mindestmaß an Vorwissen nötig – Wissen, das in Bezug auf Viele-Sein oft noch nicht vorhanden ist.

Wir sind die Vielen

Gleichzeitig wird das Viele-Sein als Lebensrealität in „real fake“ nicht pathologisiert. Dies empfand ich vor allem vor dem Hintergrund meines Psychologiestudiums, in dem häufig in Diagnosekriterien und „Störungs“-Begriffen gedacht und argumentiert wird, als große Erleichterung und weiteren starken Moment des Stücks. „Ja, es ist manchmal kompliziert und auch sehr anstrengend, immer in einem Kontinuum von Vielen zu leben. Etwas, was keiner freiwillig wählt, bzw. eine Wahl dazu hat. Weil man vom Leben zu einem System gemacht wird. Als Überlebensstrategie.“, schreibt Ela auf vieleleben.de.

Wir alle performen verschiedene Rollen, zeigen je nach Kontext andere Aspekte unsere Persönlichkeit. Diese Vielschichtigkeit von Menschen und ihren Leben zieht sich durch das ganze Stück. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch nach Anerkennung und Akzeptanz strebt, dann können wir auch hier von einer Überlebensstrategie sprechen.
Und wenn wir das Kontinuum der Rollen, die wir einnehmen und die unsere Persönlichkeit prägen, als Kontinuum der „Vielen“ in einem Körper sehen, dann sind wir alle multipel. Wir alle sind viele, wir alle leben in verschiedenen Realitäten und spielen verschiedene Rollen.
Wobei spielen hier das falsche Wort ist – denn das klingt so, als es gäbe ein „wahres“ Ich, eine „real identity“, die nicht fake ist und irgendwo in unserem Innersten versteckt liegt. Dabei ist es eher so, dass wir in allen unseren Rollen und Seinsarten Facetten unserer Persönlichkeit zeigen. Dass unsere verschiedenen Rollen sich gegenseitig beeinflussen.

Natürlich muss man diese mehr oder weniger selbstbestimmte Inszenierung von Persönlichkeit differenzieren von dem Leben als Viele-Mensch mit dissoziativer Identitätsstruktur, die in erster Linie eine Bewältigungsreaktion auf extreme Belastungssituationen darstellt und auch mit hohem Leidensdruck einhergehen kann. Dennoch gibt es viele Parallelen zwischen beiden Phänomen.

Multiples Theater

Neben dieser inhaltlichen Ebene von Fremdzuschreibungen und Rollenerwartungen ist „real fake“ auch auf narrativer Ebene multipel: Einmal, da die persönlichen Berichte von Diskriminierungserfahrungen durch andere Mitglieder des Ensembles dargestellt werden. Wenn zwei Menschen auf der Bühne stehen, eine Person vorne im Licht und eine weitere hinter der Leinwand am Mikro und gemeinsam die Geschichte einer dritten Person erzählen, dann wird die Narration physisch und visuell auf mehrere Körper und Orte aufgeteilt.

Und auch das Stück selbst lässt sich als Verbindung drei nebeneinander stehender Teilen verstehen: Nach dem ersten Teil auf der Bühne verteilen sich die Schauspielenden im Publikum, sprechen Menschen direkt an, lösen sich als Gruppe auf und werden zu vielen. Und am Ende werden die Kostüme der Schauspieler*innen – mit den durchlässigen Stellen wie kleine Fenster auf ihre Inneres – ersetzt durch ständig sich verändernde, unangepasste, mit Erwartungen brechende Darstellung von Vielseitigkeit.

In diesem Sinne kann die Beantwortung der intimen Fragen, die bei mir während der oben beschriebenen Szene ein mulmiges Gefühl erzeugt hat, vielleicht auch anders gesehen werden: Als Reflexion über die narrative Ebene des Stücks und Meditation über Theater an sich – als Ort des Rollentauschs, der Fluidität von Persönlichkeit, als Lebensstil der Vielseitigkeit und Diversität. Als einen Raum, an dem wir als Viele willkommen sind.

 

Lea