Viel Wasser um Nichts

FZ-Autor Ansgar hat „Einige Nachrichten an das All“ gefeiert, FZ-Autorin Rebecca überhaupt nicht. Eine Konfrontation.

Rebecca: Ich habe mir nichts notiert, außer: Liebes Ensemble, NEIN.

Ansgar: Ich habe fünf Seiten in meinem Notizbuch vollgekritzelt.

R: Worüber denn? Es ist doch nach zehn Minuten dramaturgisch nichts mehr passiert. Es kamen keine Brüche, es verlief alles gleich. Sie haben das Stilmittel der Übertreibung ab Minute eins eingesetzt und dann über zwei Stunden gestreckt. Der erste und auch einzige Moment, den ich als Bruch ansehen würde, war die Geschichte mit dem nicht kommenden Kind am Ende. Der Suizid aufgrund von Nichterfüllung. Da war ich kurz dabei. Das habe ich ihnen abgekauft. Die Hilda-Geschichte hat versucht, da ran zu kommen, war aber noch viel zu überzogen und zu weit weg von authentischer Emotion.

A: Das habe ich ganz anders wahrgenommen. Die Geschichte über Hilda zeigt, wie ein Vater versucht den Tod seiner Tochter zu begreifen. Aber der Tod der Tochter ist nicht zu begreifen und nicht zu erzählen. Er kann nie wirklich vermitteln, was das in ihm auslöst. Wenn das Ensemble chorisch seine Erzählung kommentiert oder klamaukige Geräuschkulissen schafft, dann dient das dazu, die Unfassbarkeit dieses Ereignisses darzustellen. Dass die Figur von ihren Emotionen überwältigt wird, sieht man doch am Ende, wenn sie sagt, dass sie die Geschichte erzählen muss, sonst wird sie zum „Roboter des Schmerzes.“

R: Aber selbst das habe ich der Figur nicht abgekauft. Wir reden hier gerade aneinander vorbei. Du redest von den Emotionen, über die gesprochen wird. Ich fand das Gesprochene aber nicht glaubhaft. Ich hatte das Gefühl, da hat ein Schritt in der Dramaturgie gefehlt. Die Figur spielt ihre – eventuell nicht vorhandenen – Emotionen so kraftlos, dass die Bilder nicht gut wirken. Das fand ich irgendwann nur noch anstrengend. Ich verstehe die Idee, Leere durch radikale Exponierung des Alltäglichen zu zeigen. Aber das löst nur etwas in mir aus, wenn dabei wirkliche Emotion oder so etwas wie der „Schmerz der Leere“ spürbar werden. Das könnte zum Beispiel durch Brüche klappen oder durch Situationen, in denen authentische Verletzlichkeit aufscheint. Das hat mir im Stück total gefehlt.

A: Ich finde, dass genau das auf der Metaebene verhandelt wurde: Prozesse der Darstellung und Aneignung. Wie ich es verstanden habe, sind Stück und Inszenierung sehr skeptisch, ob Emotionen überhaupt adäquat dargestellt werden können. Natürlichkeit und Ehrlichkeit gibt es hier nicht, nur das Ringen darum. Alle auftretenden Figuren suchen permanent nach Sinn und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Ein Naturforscher versucht, alle Pflanzen auf einer bestimmten Waldlichtung in ihrer Individualität einzeln zu beschreiben; die beiden Männer finden ihren Sinn in ihrer Liebe zueinander und in ihrem Kinderwunsch. All diese Figuren haben aber parodistische Züge, weil der Autor und der Regisseur des Stücks, glaube ich, eine grundlegende Skepsis teilen, ob es diese „Natürlichkeit“, die du einforderst, in einem so künstlichen Umfeld wie dem Theater überhaupt geben kann. Das spiegelt sich auch im Umgang mit historischen Figuren: Es soll gar nicht die Illusion erzeugt werden, dass wirklich Heinrich von Kleist auf der Bühne steht und spricht. Dieses Theater ist völlig desillusioniert. Deshalb wird Kleist auch Bernd genannt und erzählt eine Geschichte aus der DDR. Man kann sich diese historischen Sprechweisen und Themen heute nicht mehr aneignen, aber man muss sich zu
ihnen positionieren, und das versucht dieses Stück.

R: Meiner Meinung nach funktioniert diese Metaebene nicht, wenn es keine Grundlage gibt. Wenn man die Effekte und die Choreos und die Affektiertheit ausblendet, sind da nur junge Schauspieler*innen in einem Wasserbecken, die Leere transportieren wollen, dabei aber gar nichts transportieren. Und natürlich kann es Natürlichkeit in einem Theater geben, etwa wenn Personen auf der Bühne die Rolle von Schauspieler*innen annehmen, aber zugleich als Mensch auf der Bühne stehen. Und dieser Mensch versucht gerade durch die Rolle dem*der Zuschauer*in etwas zu vermitteln. Über zwei Stunden hinweg vor allem nichts zu transportieren, um die Darstellung einer Leere zu untermauern, finde ich nicht nur sehr anstrengend. Ich empfinde das als Rumgereite auf einem Stilmittel. Natürlich hat sich das moderne Theater längst von klassischen Rollenbildern verabschiedet. Es wird nicht mehr versucht, eine Illusion zu kreieren. Es wird versucht das Publikum mit Übertreibungen des Alltäglichen zu konfrontieren, um sie auf blinde Flecken und gesellschaftliche Probleme hinzuweisen. Doch auch dafür braucht es glaubhaft gespielte Empfindungen.

A: Sorry eh, aber ich muss auf die Metaebene wechseln. Ist es nicht lustig, wie emotional wir hier beide Meinungen zu „Einige Nachrichten an das All“ in die Tastatur hacken? Du hast dir in Großbuchstaben NEIN notiert. Da sind doch Emotionen da, ziemlich heftige sogar. Das Erstaunliche ist für mich, dass dieses Theater desillusioniert, aber trotzdem emotionsgeladen ist.

R: Aber damit redest du ja von den Emotionen auf Seiten des Publikums. Ich kritisiere die Emotionen auf der Bühne, beziehungsweise die Unfähigkeit des Ensembles, auf der Bühne Empfindsamkeit zu transportieren.

A: Aber woher kommt denn die Emotion beim Publikum, wenn nicht von der Bühne?

R: Wenn du auf die negativen Emotionen anspielst, die sind entstanden, weil ich enttäuscht bin von der dramaturgischen Leistung. Nicht von der schauspielerischen oder textlichen. Hätte die Dramaturgie funktioniert, würde ich ja diese Leere wahrnehmen oder mich von der Suche mitgerissen fühlen. Ich habe aber einfach nur einen Jugendclub gesehen, der sich in einem riesigen Bühnenbild und jeder Menge Schauspielkunst verloren hat. Der es nicht geschafft hat, mehr als Metaebene zu vermitteln. Ich reagiere nicht mit Unverständnis, weil mir das von der Bühne transportiert wurde, sondern weil eben genau dieser Transport gescheitert ist.

A: Bei mir hat dieser Transport sehr gut funktioniert. Einige der Mittel wurden überstrapaziert, ja. Ein großer Teil aus der zweiten Hälfte des Stücks, vor dem Finale, verschwimmt in meiner Erinnerung, weil ständig noch ein Chor und noch ein neuer, überdrehter Dialekt auf mich eingeprasselt sind. Aber die Verzweiflung der Figuren, die immer wieder mit großer Ernsthaftigkeit versuchen, Nachrichten über „das große Ganze“ ans All zu senden, hat mich erreicht.

R: Bist du am Ende mit ins Wasser?

A: Liebe Rebecca, NEIN.