Verhexte Polenta

Dichte, Stifte und eine sehr berühmte Schauspielerin

Wir sprechen hier ja viel, wir diskutieren, wir suchen Wörter, um Wörter und ihre Wirkung zu beschreiben. Dabei einigen wir uns auf Begriffe, die scheinbar alle gleich verstehen, die aber abstrakt oder seltsam sein können oder unterschiedlich definiert. Ich bin mit einer Liste solcher Begriffe durch das Festspielhaus gewandert und habe darüber diskutiert, was sie bedeuten könnten.

 

Heute: Dichte

Mit: Jannika Jenk

Preisträgerin

 

Oh, dein Text war aber dicht, sagen die Leute nach der Lesung und man ist nicht sicher, ob das ein Kompliment ist. Ich frage Jannika, was Dichte sein soll bei Texten und sie sagt, na gut, dann sprechen wir eben über Dichte, aber ich muss nebenher basteln. Sie bastelt ein Fotoalbum, das sie gleich einer Freundin schenken wird.

Dichte, ist unsere erste Idee, ist vielleicht einfach, wenn man nicht mitkommt. Also Überforderung. Wie bei Essen: Wenn jemand über eine Polenta, die du gekocht hast, sagt, dass sie sehr dicht war, wäre das sicher auch kein Kompliment. Aber wenn jemand sagt, dein Text ist überhaupt nicht dicht, erschrickt man ja auch. Das Gegenteil von einem dichten Text ist vielleicht ein lückenhafter. Allerdings können sich auch fragmentarische Texte dicht anfühlen. Also ist das Gegenteil von dicht eher banal?

Jannika malt ein Herz in das Fotoalbum (vermutlich ironisch oder postironisch gemeint) und der fast leere silberne Edding, mit dem sie malt, kleckert einen Fleck, über den sich Jannika ein bisschen ärgert. Ich fange eine Frage an, bin aber mittendrin so abgelenkt, dass ich sie beim Sprechen vergesse, weil eine sehr berühmte Schauspielerin ins Festspielhaus kommt und sich umsieht, als sei das ganz normal. Zuletzt habe ich sie in einem Hexen-Horror-Film gesehen. Sie war eine Hexe. Jetzt ist sie hier.

Disparat ist vielleicht auch noch ein Gegenteil von dicht, merke ich an, aber bin mir nicht sicher. Jannika schaut eine Weile und sagt dann, ich soll disparat auch auf meine Liste mit unklaren Begriffen schreiben.

Der silberne Edding ist inzwischen leer. Während Jannika sich einen anderen Stift sucht, den man auf den schwarzen Fotoalbumseiten lesen kann, gehe ich auf die Toilette. Ich gehe auch nachschauen, ob die sehr berühmte Schauspielerin wirklich die sehr berühmte Schauspielerin ist oder ihr nur ähnlich sieht. Aber vor allem auf die Toilette. Als ich wiederkomme, wissen Jannika und ich zwei Dinge mehr: Erstens, dass auch sehr helle Buntstifte auf den schwarzen Seiten lesbar schreiben und zweitens, dass die Schauspielerin sie selbst ist.

Im Theater, apropos Schauspielerin, wird ja auch oft von dichten Szenen gesprochen. Dicht auf allen Ebenen, überlegt Jannika, also wenn alle dicht sind. Wenn die Szene so geil war, dass danach alle davon besoffen sind.

„Das ist gar nicht blöd“, sage ich. „Deshalb hab ichs gesagt“, sagt Jannika.