Urban Sounds Clash Classic:
Von Herzen, für Herzen

Vier große Leinwände, auf denen der Trailer einer Stadt abläuft. Einer Stadt und vieler Leben. Schienen, Züge, Himmel, Windräder, Postauto, eine Alditüte im Bad. Rolltreppe, facebook, Goldbroiler, ein Kind mit Pudelmütze. Wäsche waschen, Supermarktszenen, Bilder von längst vergangenen Partys. „Urban Sounds Clash Classic“ ist ein Film-, Musik-, Performance-, Poesieprojekt, das vielleicht weniger die vom Ensemble selbst gestellte Frage „Was ist Berlin?“ beantwortet, als etwas über ihren Alltag, ihre Lebenswirklichkeit erzählt, die sich nun zufällig in dieser Großstadt abspielen. Es hätte auch Detmold sein können – und wäre vermutlich genauso interessant geworden.

Die Spielenden sind schwarz weiß gekleidet und bekommen alle ihre eigene Showtime, in der sie rappen, reimen, dichten, philosophieren, perfomen. Für die Musik sind hauptsächlich Männer zuständig, die wie Bodyguards aussehen, allen voran Hasan mit dem Kamm im Haar; fürs Video gibt es einen extra Tisch, mit drei Laptops und drei Menschen dahinter. Das alles könnte Gefahr laufen, schnell zu clean zu wirken, mit dieser (Pseudo-)Edelklub-Ästhetik, die ganz darauf aus ist, gut auszusehen und cool zu wirken – aber dann stehen die Spielenden, die gerade nicht selbst ins Mikro texten, so herrlich unbeteiligt an der Bar rum (Getränke gibt es auch, von Necati, dem fröhlichen Barkeeper) und singen charmant schief im Chor: „Guten Morgen, Deutschland!“ Und prompt ist der Reiz des Selbstgemachten wieder da, des Selbsterzählten.

Denn das Ensemble erzählt hauptsächlich von sich selbst: Jeden Morgen gebe es zwei Optionen, sagt eine Spielerin. „Zurück ins Bett oder meine Maske auf und raus.“ Im Hintergrund laufen Videos von ihr ab, sie vorm Spiegel, wie sie sich schminkt. Es gelte „nicht zu verzweifeln / der Welt gerecht zu werden“. Das Ensemble von der akademie der autodidakten schickt sich an, ein einziges großes, intermediales Berlin-Gedicht zu schaffen. Da schlägt bei aller Poesie („und ich weiß um die Zeit, die wir uns gaben“) auch ganz schön oft das Kitsch-o-Meter aus („Wieso sehn’ ich mich nach dir? / Wieso tropfen schon wieder Tränen aufs Papier?“).

Es soll eine Liebeserklärung werden – eine Liebeserklärung an die Stadt, die eigenen Möglichkeiten, vielleicht sogar an sich selbst. Und Liebeserklärungen sind kitschig, klar. Aber Kitsch ohne Brüche wird schnell zur Schmalzrutschbahn, und so fürchtet man schon, der ganze Abend könne womöglich ironie- und witzfreie Zone bleiben. Da verkündet Hasan selbstsicher: Freitagabend, ttj, „Urban Sounds Clash Classic“ – „Ihr habt nichts falsch gemacht, Leute.“ Und zum Glück behält er Recht, denn endlich bricht die Selbstironie ins Poesie-Projekt ein.

Grandioser Auftritt vom Bademanteltyp, Hasan spricht – Anführungszeichen oben – französisch – Anführungszeichen unten – und singt den neuen Großstadthit „Berlin ist Single“. Das Publikum soll mitsingen, aber bitte „nicht aus dem Arsch, sondern aus dem Herzen“. Pointiert und witzig wird der Berlin-Hype aufs Korn genommen: Egal aus welchem „Pommesdorf“ man käme, alle wollten nur „von unserem Image profitieren“ und „billig einkaufen gehen“. „Ey, chill mal dein Leben ganz kurz“ – denn Hasan kann von weitem erkennen, wer hier Berliner ist und wer nicht, und überhaupt: „Bevor ihr Brot sagt, hab ich schon zweimal abgebissen.“ Die Wette gilt: Hasan will seinen Bist-du-ein-Berliner-Riecher unter Beweis stellen. Der, der und die sollen aufstehen, und dann sagt Hasan an. Im ersten Moment denkt man: Ach du Schreck, peinliche Publikumsbeteiligung, nachdem wir doch schon singen sollten, aber dann erklärt Hasan so charmant einfach jeden Aufgestandenen zum Berliner, dass einmal mehr klar wird: Eigentlich geht es gar nicht um die Stadt.

Sondern ums Zusammensein, ums Hier und Jetzt und am Ende auch – um eine riesengroße Party. Alles sei „machbar auf Berliner Straßen“, man höre hier „tausend Sprachen, die zusammenpassen“. Es wird wieder gesungen, es werden Zuschauer auf die Bühne geholt, die wild mittanzen und – als sich plötzlich fast alle Spielenden auf den Boden fallen lassen – sich auch hinlegen und einfach mit einfrieren. Bis das Stück vorbei ist. Ist das nicht echte Theaterperformance? Auf jeden Fall macht es Spaß und gehört neben (zum Beispiel) satirischem Philosophie-Monolog, einer am Mikro einschlafenden Spielerin und Meta-Kommentaren zum Stück („Alter, du hast Möse gesagt!“) zu den unerwarteten und interessanten Elementen der Inszenierung.

Man hat das Gefühl, bei einer Riesen-Revue-Show dabei gewesen zu sein, die von Herzen kam. Etwas über das Ensemble erfahren zu haben. Darüber, wie sie ihre Welt sehen. Trotz allen Kitsches, trotz allem Zu-Dick-Auftragens. Es hat einfach Spaß gemacht. Und es war ein Befreiungsschlag für kitschige Formulierungen wie: eine Inszenierung, „die von Herzen kam“. Danke dafür.

Foto: Dave Großmann