Unvermutete Freundschaft

In da waren noch die anderen gelingt es der Bühne Art&shok e.V./Tanztheater GRAZIA in nur 12 Minuten einen Vorschlag auf ein Dilemma der darstellenden Künste zu formulieren.

Ich oder wir? Individuum oder Kollektiv? Protagonist*in oder Chor? – Eine scheinbar ewige Antithese, die größtenteils mit einem oder in einen Schwebezustand verlagert wird. Angeblich kann man nur eines von beiden sein. Entweder freistehendes Individuum oder untergeordnetes Mitglied eines Kollektivs.

Offensichtlich geht es aber auch anders. Das zeigt die Choreographie da waren noch die anderen der Bühne Art&shok e.V./Tanztheater GRAZIA. Der Wunsch nach Individualität wird schon zu Beginn durch das Drapieren von unterschiedlichen Trainingsjacken am Rand der Bühne visualisiert. Doch als kurz darauf der Chor an Tänzer*innen die Bühne betritt, ist man kurz versucht an das Verschwinden des Individuums zu glauben.

Denn es ist ein dynamischer Chor, dem wir begegnen. Ein Chor an versammelten Körpern, die energetisch zu „Indignados“ – einem Lied, welches in einer Bewegung von jungen Spanier*innen zugunsten eines sozio-politischen Wandels gründet – tanzen. Ein Chor, der sich unisono an expressiven Bewegungen heranwagt und diese rasant weiterentwickelt.


Gemeinsam tragen sie eine Idee – nämlich lustigerweise den Drang des Niesens – lawinenartig durch die eigenen Reihen. Doch da, wo man eine persönliche Aufgabe zugunsten des Kollektivs vermutet, blitzt plötzlich die Abweichung auf: in den, mit vorbildlicher Körperspannung durchgeführten, Bewegungen der Masse setzt immer wieder einer der Körper aus, entschließt sich zu einer individuellen Bewegung, die das eigene „Ich“ wachsen und glänzen lässt.


Besonders erwähnenswert dabei: das sich wiederholende Aus-Dem-Unisono-Fallen erscheint keinesfalls als Störfaktor, im Gegenteil – es beflügelt das Kollektiv, seine Bewegungsabfolgen ideell zu erweitern. Doch bald kommt der Moment, in welchem die Tänzer*innen sich sehr haptisch ihrer angeglichenen Tanzhosen entledigen und stattdessen, mit der Wahl einer Trainingsjacke, nach einem Pinselstrich visueller Individualität suchen. Dennoch stehen sie bis zum Schluss und mit beständigen Soli-Momenten als Gruppe zusammen. In diesen 12 blitzschnell vergehenden Minuten manifestiert sich schlussendlich: Individuum und Kollektiv sind keine Feinde, sondern Freunde, die es vielleicht noch nicht wussten …

da waren noch die anderenBühne Art&shok e.V. / Tanztheater GRAZIA

Besetzung
Von und mit: Daniel Ahmetzanov, Emilia Czajkowski, Elisabeth Faber, Nicole Friedrich, Michelle Gottselig, Julia Heffel, Karina Kaucher, Robert Khodis, Laura Nicole Kisselmann, Anja Maria Knippenberg, Lydia Koch, Stepan Konoplev, Marcel Mamedov, Alexander Rempel, Angelina Schwarz

Choreografie: Alexander Varekhine