Unprivater Edelklatsch

Wen interessiert mein Wohnzimmer?

Wir sprechen hier ja viel, wir diskutieren, wir suchen Wörter, um Wörter und ihre Wirkung zu beschreiben. Dabei einigen wir uns auf Begriffe, die scheinbar alle gleich verstehen, die aber abstrakt oder seltsam sein können oder unterschiedlich definiert. Ich bin mit einer Liste solcher Begriffe durch das Festspielhaus gewandert und habe darüber diskutiert, was sie bedeuten könnten.

 

Heute: „persönlich“ und „privat“

Mit: Sirka Elspaß

Preisträgerin beim tja 2010 und 2012, Moderatorin der Lesung

 

Es gibt ja viele von denen, diesen großen, bekannten Schriftsteller*innen, die uns genau erzählen, wie ihr Wohnzimmer aussah, als ihr Mann gestorben ist, wie ihre Mutter gewinkt hat, als sie das erste Mal in ein Zeltlager gefahren sind oder wie genau das war, als sie aus der Vorstadt nach Paris gezogen sind. Wir wissen scheinbar alles. Trotzdem fühlen sich die Texte nicht an wie Klatsch. Persönlich, ja, aber nicht wie eine plötzliche Umarmung von einem Fremden. Im besten Fall.

Wenn ich dagegen beschreibe, in welcher U-Bahn ich saß, als ich von der Sache mit dem Aquarium erfahren habe, fühlt sich das sehr an wie Klatsch. Zumindest denke ich mir: Dieses private Zeug will doch niemand lesen. Aber andererseits habe ich schon Gedichte öffentlich vorgelesen, die sich sehr persönlich angefühlt haben, weil sie einen sehr kleinen Gedanken beschreiben, den ich sonst nicht äußern würde. Wie mein Wohnzimmer aussieht und wann ich morgens aufstehe, kann aber daraus niemand ableiten.

Was ist persönlich und was privat? Ich frage Sirka, was sie denkt. Gestandenen Autorinnen, sagt sie, wird vielleicht einfach alles abgekauft, auch aus Interesse an ihrer Berühmtheit. Dann wären persönliche Essays und autobiographische Romane also doch eine Art Edelklatsch.

Das sieht man ja auch in Interviews mit Autor*innen: Bei Hertha Müller ist eine Homestory deshalb spannend, weil sich Verbindungen zu ihrem Werk ziehen lassen. Wenn ich ihre Collagengedichte schon kenne, interessiere ich mich eher dafür, in welcher Schublade sie das gelbe „und“ aufbewahrt.

Aber zurück zu den Texten: Ein persönlicher Text, stellen wir fest, lässt Raum für den*die Leser*in. Der Text schafft beim Schreiben eine intime Situation für mich und beim Lesen eine intime Situation für den*die Leser*in, ohne dass er zu privaten Rückschlüssen auf meine reale Person zwingt. Niemand muss sich beim Lesen vorstellen, wie meine Socken aussehen, sondern man kann an die eigenen Socken denken. Die Socken sind hier durch alles Wahrnehmbare austauschbar.

Auch persönliche und nicht private Texte lassen sich aber privat lesen, wenn man sie zum Beispiel der eigenen Familie oder engen Freund*innen gibt. Die lesen dann eine eigentlich ausgedachte oder zumindest verfremdete Situation und sagen: Ach so, das war am 4. März, du hattest dir den Fuß verstaucht, als du abgelenkt vom Liebeskummer deine Heizung reparieren wolltest, und dann hattest du einen kaputten Fuß und eine kaputte Heizung und Liebeskummer.

Der Raum, den sich das Publikum selbst in einem Text nehmen kann, erfordert also eine Distanz zwischen Autor*in und Publikum. Wenn ich und eine Leserin uns privat kennen, kommt diese Leserin möglicherweise aus der privaten Rolle nicht in die Publikumsrolle. Die Distanz fehlt, sie kann sich den Raum im Text für sich selbst nicht nehmen, weil für sie meine private Person ihn so sehr ausfüllt. Das erklärt, sagt Sirka, warum sie Texte an fremde Leute geben kann, aber die Krise kriege, wenn ihre Eltern den lesen: Weil die private Rückschlüsse ziehen können, die sie gar nicht wollte.

Was wir aber immer noch nicht wissen: Kann ich bei meinen eigenen Texten erkennen, ob er Raum bietet für jemanden? Oder kann das nur der*die Leser*in?