Unantastbar:
Über das Wesen
der Menschenwürde

Auf dem diesjährigen Tanztreffen der Jugend fand „Unantastbar“, ein genreübergreifendes Alumni-Projekt für frühere Teilnehmer*innen der vier Bundeswettbewerbe, statt, das sich mit dem Wesen der Menschenwürde – auf mehreren künstlerischen Ebenen – auseinandergesetzt hat. 

Einen Einblick in den thematischen Diskurs gewährt der folgende Text – geschrieben von Ilias Botseas (Teilnehmer von „Unantastbar“):

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ lautet der erste Absatz des ersten Artikels unseres deutschen Grundgesetzes.

Die Tatsache, dass die Menschenwürde als unbestimmter Rechtsbegriff ein Grundrecht ist, das von Legislative, Exekutive und Judikative zu schützen ist, ist innen- und außenpolitisch, gesellschaftlich sowie rechtstheoretisch interessant, da hier per Gesetz von Bundestag und -rat, Bundesregierung und -verwaltung sowie sämtlichen Bundesgerichten – sei es Verfassung, Verwaltung, Finanzen, Soziales oder Arbeit – und allen entsprechenden Einrichtungen der einzelnen Bundesländer erwartet wird, vernunftrechtsdenkende Kompetenzen zu besitzen und Entscheidungen moralphilosophisch und -theoretisch abzuwägen, bevor diese getroffen werden. Hierbei ist die diesbezügliche Ambivalenz zwischen Naturrecht und positivem Recht spannend, da unser Rechtssystem normativ geschlossen ist und ohne einen angegebenen Ermessensspielraum eine gebundene Entscheidung zu treffen ist, was sich mit der „unbeständigen Flut und Ebbe moralischer Kommunikationen“ nicht verträgt, da der Begriff der Menschenwürde und der Gerechtigkeit nicht objektiv ist.

Somit ist es wichtig, sich über die Würde des Menschen Gedanken zu machen und über ihre Bedeutung zu reden, da sie sich durch unsere Gesellschaft zu definieren versucht. Nach den Rechtssoziologen Jean Carbonnier und Klaus F. Röhl ist Charles de Montesquieus Aussage „Alles Recht entwickelt sich“, die die Wandelbarkeit des positiven Rechts beschreibt, heute unbestritten, wodurch nochmal bekräftigt wird, dass unabhängig vom aktuell geltenden positiven Recht darauf geachtet werden muss, dass Menschenrechte eingehalten werden.

Das erste Grundgesetz ist historisch insbesondere eine bewusste Reaktion auf die massive Missachtung der Menschenrechte im nationalsozialistischen Staat, in welchem Menschen aufgrund ihres angeblich „minderwertigem Menschseins“ auf unwürdigste Weise verfolgt, diskriminiert, in Gefangenschaft gebracht, gefoltert und schlussendlich getötet wurden.

Da sich aktuell aufgrund der Flüchtlingskrise in Europa vermehrt rechte Gruppierungen und Organisationen wie beispielsweise die PEGIDA bilden und die AfD – eine Partei dessen stellvertretende Vorsitzende Beatrix von Storch den Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge befürwortet hatte – in 13 von 16 Landesparlamenten in der Opposition vertreten sind, ist dieser Bezug aufgrund der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Brisanz umso wichtiger.

Interessant sind vor allem Grenzfälle der Menschenwürde, da sich aus ihr Gesetze wie das Folterverbot, welches absolut formuliert ist, ableiten lassen. Hier gibt es den bekannten, im Ethikunterricht häufig besprochenen Daschner-Prozess, in welchem die Androhung von Folter eines Kidnappers als Verhörmethode vom Frankfurter Polizeipräsidenten angeordnet worden war, um das Leben eines entführten Kindes zu retten.

Während der Polizeipräsident Wolfgang Daschner aufgrund von Nötigung im Amt verurteilt wurde, ist Donald Trump, der aktuelle Präsident der USA, welche ein entwickelter, demokratischer und westlicher Staat mit großer Militärkraft ist, in das weiße Haus eingezogen, nachdem er im Wahlkampf angekündigt hatte, dass er Folter und Schlimmeres wieder einführen will, obwohl Waterboarding zwischen 2001 und 2009 in den USA als unmenschlich tituliert, von einer Richterin des United States District Court als gesetzeswidrig erklärt und von Präsident Obama verboten worden war. Hierbei wurde auf die Genfer Konvention eingegangen.

Außenpolitisch ist der Begriff der Würde umso brisanter, wenn berücksichtigt wird, dass Deutschland erneut Waffenexporte in Krisengebiete und nach Saudi-Arabien, einem autokratisch geführten Staat, in welchem Menschenrechtsverletzungen offen und offiziell begangen werden, genehmigt.

Alles in allem ist die Menschenwürde, die u.a. in der christlichen Tradition und antiken Philosophie wurzelt, grundlegend für ein zivilisiertes Zusammenleben von Menschen in Staaten, in welchen Menschenrechte und Gerechtigkeit gewährleistet sein müssen, weshalb es von äußerster Dringlichkeit ist, den Begriff der Würde zu untersuchen, zu diskutieren, einzuordnen und alle damit verbundenen Umstände zu überprüfen.


Foto: Dave Großmann