Überall Klang

Stimmen, die summen, schweigen und schreiben

Wir sprechen hier ja viel, wir diskutieren, wir suchen Wörter, um Wörter und ihre Wirkung zu beschreiben. Dabei einigen wir uns auf Begriffe, die scheinbar alle gleich verstehen, die aber abstrakt oder seltsam sein können oder unterschiedlich definiert. Ich bin mit einer Liste solcher Begriffe durch das Festspielhaus gewandert und habe darüber diskutiert, was sie bedeuten könnten.

 

Heute: Stimme

Mit: Rike Scheffler

Workshopleiterin

 

Wie Bedeutung wuchern kann, wenn wir sie lassen. Zum Beispiel Sonntagabends in der Kassenhalle, wo ich mit Rike sitze und sie frage, was eine literarische Stimme ist. Der Begriff ist riesengroß und überall, sagt Rike. Eigentlich eher eine Floskel.

Die körperliche Stimme, Klangfarbe und Satzmelodie.

Die eigene literarische Stimme, die wir suchen oder gefunden oder wieder verloren haben.

Jemandem eine Stimme geben.

„Eine neue queere Stimme“, schreibt das Feuilleton.

Wie hört sich „eine queere Stimme“ an? Und ist die Stimme einer queeren Person auch queer, wenn sie über Blumenkohlzucht oder Fischgrätparkett schreibt? Ist die Queerness immer zu hören? Was mir unklar vorkommt, ist die Vermischung von Autor*in und Text. Stimme wirft das beides zusammen und weist dem*der Sprecher*in einen festen Ort zu: Queer oder „migrantisch“, feministisch oder konservativ. Damit sind Person und Text, also die Stimme, verortet und man kann zu- oder weghören. Dass eine Person nicht nur diese eine Stimmfarbe haben kann, verschwindet.

Weiter überlegen Rike und ich, dass eine Person aber auch gebunden ist an ihre Stimme. In der Diskussion am Samstagabend um queeres Schreiben ging es auch oft um die Frage, wer für wen spricht. Hört sich das falsch an, wenn eine nicht queere Person eine lesbische Liebesgeschichte erzählt? Wo endet die eigene Stimme? Da, wo es nicht mehr autobiographisch ist? Das ist gar keine schöne Definition, findet Rike. Ohnehin, sagt sie, will sie sprechen mit, nicht für. Es kann da aber keine abschließende Grenze geben, was meine Stimme ist und was nicht, wo die Grenze zwischen mit und für verläuft. Trotzdem kann ich Sätze neu befragen, denke ich, mit diesen beiden kleinen Wörtern.

Wir wuchern weiter in Richtung der körperlichen Stimme, die wir hören können oder, bei unserer eigenen, im Körper als Vibration spüren. Spreche ich einen Satz aus, den ich eben aufgeschrieben habe, kann er sich ganz anders anfühlen. Ja, sagt Rike, das ist eine andere Art der Verweltlichung oder der Veräußerung. Der Satz wird viel körperlicher. Der Klang eine Stimme transportiert, und das sehr schnell, Bedeutung jenseits der Inhaltsebene. Nicht nur Dialekt und Sprachmelodie, auch ob jemand wach ist oder matt, skeptisch, begeistert, vorsichtig. Ich kann am schnellsten erkennen, wie ich geschlafen habe, indem ich eine Tonleiter abwärts summe. Je tiefer ich komme, desto weniger oder schlechter habe ich geschlafen. Diese vielen Bedeutungen kann ich zum Schreiben benutzen. Aussprechen, so formuliert es Rike, kann eine körperliche Vergewisserung sein, ob ich genau das meine, was da steht.

Später legt Rike noch ihr Handy vor mir auf den Tisch. Sie hat noch weiter überlegt und notiert, während dem literarischen Finale, mit dem das tja schon fast vorbei ist. Es gibt noch mehr zu entdecken, wenn wir immer weiter von der Floskel wegwuchern. Ich denke: Das klingt nicht richtig, wenn ich Rikes Notizen in meine eigenen Sätze einbaue. Was sie in ihr Handy getippt hat, klingt so:

 

Lebendigkeit als etwas Fluides

Größer als man selbst

Die Stimme fängt das ein

Macht es spürbar