Über Nervosität

Heute Abend findet auf der Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele die Lesung der Preisträger*innen des 32. Treffens junger Autoren statt. Schon aufgeregt?

Es gibt Dinge, die kann euch keine*r nehmen. Eure Geburt, den Schmerz von aufgeschürften Knien, wenn ihr das erste Mal Einrad fahrt, aber nur drei Meter weit kommt, Akne, Scham, Angst vor Einsamkeit, Einsamkeit, Nervosität.

Letzteres ist wohl heute Abend am wichtigsten. Ihr werdet auf einer Bühne vor furchtbar vielen Menschen stehen, von denen die meisten nicht eure Oma sind, also nicht verpflichtet, eure Prosa, eure Lyrik, euer Dings zu mögen oder auch nur so zu tun. Sie sitzen einfach nur da in ihrem eigenen Schweiß, atmen den ganzen Sauerstoff aus dem Raum raus und warten darauf, dass ihr abliefert. Keine geile Situation, wenn ihr mich fragt.

Schon nervös? Ich wäre es an eurer Stelle. Könnt ihr euch sowieso nicht aussuchen. Wie wärs, schon mal nach der ersten Leseprobe kotzen gehen? Danach seid ihr sicher viel weniger aufgeregt. Oder den ganzen Tag nichts essen außer Fingernägel, sonst nur Wasser trinken und ganz bleich aussehen. Hot.

Seid ihr sicher, dass es den ganzen Stress lohnt? Es ist Freitagnachmittag, ihr könntet gerade im Bett liegen mit ner Wärmflasche und mit einer dieser Serien, über die andauernd alle reden, ins Wochenende reinfeiern. Oder Sex haben. Stellt euch nur vor, wie viele Menschen auf der Welt gerade vögeln, während ihr mit tauben Beinen auf die Bühne schleichen werdet, den Mund viel zu trocken, aber ohne den Mut, euer Wasserglas mit zum Pult zunehmen, könnte ja als Arroganz oder aufgesetztes Künstler*innengehabe gewertet werden.

Das war ein grober Einblick in meine Gedankengänge, bevor ich beim Treffen junger Autoren 2015 auf die Bühne musste. Das interessiert im Nachhinein keinen Arsch, darum behellige ich euch auf dem Blog damit. „Ja naja, du warst vielleicht vorher nervös, aber der Auftritt war toll“, ist alles, was ihr später zu hören kriegt. Euer Struggle in den Stunden (oder in meinem Fall: Wochen) vorher erscheint allen anderen mit dem letzten Applaus irrelevant.

Euch nicht. Das kann euch keiner nehmen: Die Nervosität vor einer Lesung, egal wie groß oder bedeutend sie war. Meine letzte Lesung war vor 6 Menschen (vergangenes Weihnachten musste ich aus alter Tradition ein christliches Gedicht vortragen) und ich zitterte am ganzen Körper, weil ich nicht genug geübt hatte. Vielleicht wäre es mir sogar besser ergangen, wenn es sechzig Leute gewesen wären und ich einen Scheinwerfer im Auge gehabt hätte. Mein Zittern ist wieder niemandem aufgefallen, wen interessiert das schon. Meine Oma weinte und lobte das Gedicht und mich als Mensch. Auch schön.

Also nochmal für alle, die es immer noch nicht verstanden haben. Nervosität ist großartig. Sie erlaubt es euch, Lesungen so wahrzunehmen wie niemand sonst. Lasst euch auf das Gefühl ein, badet darin (aber ertränkt euch nicht, es muss Limits geben), spreizt den kleinen Finger ab und nehmt kleine Schlucke davon. Das mit dem Vorlesen werdet ihr eh hinkriegen, da bin ich mir sicher. Das wahre Glück liegt aber in der Zeit davor und im Applaus danach. Auch wenn man das manchmal erst Jahre später begreift.