„Twailait“:
Über den Hass auf junge Frauen

Gestern Abend waren die Gemüter gespalten.
Die einen hatten ihren Spaß.
Die anderen sprachen davon, wie dämlich der Abend gewesen sei.


Nun, ich gehöre zu denen, die ohne Zweifel Spaß hatten. Die Spieler*innen der EchtEinstein-Theater AG der Albert-Einstein Schule Groß-Bieberau hatten diesen Spaß auf der Bühne anscheinend auch, während sie die Twilight-Saga und die darin verarbeiteten Vorstellungen von Liebe entlarvten. Dies taten die Spieler*innen mit einem starken Selbstbewusstsein. Sie hatten kein Problem, ihre peinlichen Vorstellungen von damals darzustellen und einigen von uns im Publikum zu zeigen, was wir uns damals als Teenage-Girls eigentlich reingezogen haben.

Die Spieler*innen arbeiteten auf selbstreferentielle Art und Weise die entscheidenden Stellen der Handlung heraus: Komisches Mädchen zieht in eine komische Stadt und verliebt sich in einen komischen Jungen. Und wie in jedem Plot, steht er auch auf sie, aber sie können nicht zusammenkommen, weil er ein Vampir ist und sie ein Mensch. Er muss seinen Wunsch unterdrücken, sie zu beißen und damit in einen Vampir zu verwandeln. (Er leidet ganz offensichtlich an Selbsthass.) Sie hat die Möglichkeit, in eine mystische Welt einzutauchen. Und dann taucht noch ein zweiter hotter Typ auf. Eine Liebesgeschichte voll unausgesprochenem Begehren.

Die Geschichte erzählt von einem Wunsch, den wahrscheinlich jeder Mensch hat:
einfach so geliebt zu werden für das, was man ist.

Nun meinen viele, Twilight sei eine sexistische und rassistische Erzählung, auf die nur kleine, dumme Mädchen hereinfallen. Gängige Interpretationen verweisen darauf, dass Bella ein „every girl“ sei und wenig Selbstvertrauen hat. Sie wird von den männlichen Figuren Edward und Jacob emotional missbraucht und kontrolliert. In ihrem Liebesrausch geht Bella sogar so weit, ihre eigene Identität aufzugeben. Dies haben gestern die Groß-Bieberauer*innen herausgearbeitet. Aber warum haben sie diese Bücher trotzdem gelesen und gefeiert?

Der Grund dafür sind zwei weitere wichtige Lesarten. Erstens: Bella bietet die Möglichkeit zur Identifikation. Sie ist aus einer choice-feministischen Sicht eine selbstbestimmte Frau, die gegen patriarchale und misogyne Männer ihren Willen durchsetzt und sie dazu bringt, ihre Fehler einzugestehen. Sie kämpft für ihr Selbstbestimmungsrecht gegen einen Mann, den sie liebt. Den sie im zweiten Buch vor einem Selbstmord rettet. Im dritten Buch baut sie ihre Rolle als Mutter Machtposition aus, die sich nicht zum Schweigen bringen lässt. Zweitens: Während sich 12- bis 15-jährige Jungs jederzeit auf Pornoseiten einen runterholen konnten, haben 12- bis 15-jährige Mädchen Twilight gelesen. Man muss dieses Buch auch im Kontext dessen sehen, dass es für Mädchen nur wenige Möglichkeiten gibt, ihre Sexualität zu erforschen, auszuleben und Fantasien durchzuspielen. Twilight befriedigt dieses Bedürfnis mit Lookismus, erotischer Prüderie und Abstinenz. Denn obwohl Edwards Ablehnung von Sex vor der Ehe fragwürdig ist, so spürt man sein unstillbares Verlangen. Und in jeder zweiten Szene zieht sich jemand aus.

Vielleicht hätte es im Theaterstück einer Meta-Ebene bedurft, die die oben genannten zwei Lesarten anspricht. Um einen Schutzraum zu schaffen für die Spieler*innen gegen den Frauenhass, der in der ersten Lesart steckt. Gegen einen Frauenhass, der sich gegen Mädchen richtet, sie passiv verortet und herabsetzt; gegen einen Frauenhass, der in einer Sichtweise des Publikums existieren kann. Was die Spieler*innen gestern aber getan haben, ist das Gegenteil. Sie haben ohne diese Metaebene gespielt, sich verletzbar gezeigt. Sie haben mich an ihrem Lachen beteiligt, haben mich daran erinnert, welchen Trugschlüssen und Fantasien wir als Jugendliche unterlegen sind und uns dafür gefeiert. Sie haben mich erinnert, dass wir es nun besser wissen. Danke für diese Leichtigkeit!