„Twailait“: Failrezension – Harry, Harry, hetero?

Heteronormativität bei Harry Potter, ein spannendes Thema, das die EchtEinstein Theater AG sich da rausgesucht hat. Die gesellschaftliche Perspektive: viel zu selten, so die Jugendlichen, wird Begehren in der Kinder- und Jugendliteratur thematisiert. Sex und Liebe sind im Coming-of-Age immer noch so stark genormt, dass sie beinahe unsichtbar sind.

Die erste Szene: Es wird der Weihnachts-Ball re-enacted, gespickt mit einer gut getakteten Textcollage aus Original-Zitaten, die verschiedene Stereotype reproduzieren. Das ist schön gemacht: von Hermines pinkem „vom hässlichen-Entlein-zum-Schwan“-Kleid bis zu der „no-homo“-Robe von Ron. Als alle ihre Kostüme ausziehen und die materiellen Geschlechts-Markierungen fehlen, wird klar: die binäre Logik von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität liegt schließlich unter allem.

Szenenwechsel. Plötzlich ist die Bühne zweigeteilt. Auf der einen Seite sehen wir die Küche der Weasleys, auf der anderen Seite die der Dursleys. Ein gekonnter Dreh: die direkte Gegenüberstellung der beiden präsentesten klassischen Familienkonstruktionen bei Harry Potter, bei denen die eine klar negativ besetzt und die andere positiv idealisiert wird. Die Dursleys werden als gewaltvolle, schreckliche, dumme Muggel-Familie dargestellt, während die Weasleys ein romantisiertes, heimeliges, arm-aber-gemütlich, liebendes, wenn auch „chaotisches“ Familienbild zeigen.

Dabei gelten in beiden Familienbildern dieselben Prämissen: Es gibt eine Mutter und einen Vater, Frau und Mann, die in einer monogamen, romantischen Zweierbeziehung zueinanderstehen. Der Vater (Vernon/Arthur) ist fest angestellt und lohnarbeitend, ihm gehört die öffentliche und ökonomische Welt, er verlässt morgens das Haus und kommt abends zurück. Die Sphäre der Mutter (Molly/Petunia) ist das Zuhause, die Kinder, und vor allem: die Küche und das Bad. Ihre Aufgaben sind Care- und Reproduktionsarbeit: dafür sorgen, dass die männlichen Familienmitglieder versorgt sind, um rausgehen zu können in die Welt.

So wurde durch die Abstraktion von Heteronormativität auf die (Re)-Produktionsverhältnisse eine kommunistische Perspektive in den sonst oft liberalisierten Pop-Queer-Feminismus gebracht.

Die Spieler*innen nutzen gekonnt Slapstick-Elemente, komplett überzogene Karikaturen und kitschige Songeinlagen. Darin beweisen sie unglaubliche Stärke, machen sich doch nicht nur über Harry Potter, sondern auch über sich selbst lustig. Das ist mutig, denn es richtet sich gegen den Distanzierungsreflex, die eigenen Fehler zu verschweigen.

Eine utopische Perspektive spiegelt sich in den letzten Szenen wieder: Die Geschichte wird gequeert. Originaltexte werden umgeschrieben, umgedreht, Rollen anders besetzt. Hagrid ist Harrys erstes schwules Vorbild, durch das er sich selbst entdecken kann. Harry und Draco stehen in einer dysfunktionalen Beziehung zueinander, in der die Grenzen zwischen Liebe und Hass verschwimmen. Die Szenen wurden teils selbst verfasst, teils aus Fanfiction-Foren im Internet gesammelt. Sie drücken die Hoffnung aus, dass Jugendliche noch nie so transformativ gewirkt haben, dass sie ständig Gegenwelten und Gegengeschichten aufschreiben, fantasieren und erproben. Natürlich lässt sich die Geschichte der Welt nicht einfach so umschreiben – aber irgendeine Idee, wie es sein könnte, braucht man ja zum Ändern der Dinge.