Prolog zum TTJ 2017: Check your fictions

Ich habe mir verschiedenes für diesen Text überlegt. Ich wollte damit anfangen, wie ich zum Theater kam und wieder aufhörte. Ich wollte damit anfangen, warum ich einmal auf einer deutschen Bühne stand und weinte, weil ich einer deutschen Frau erklärt hatte, was es heißt Ausländerin zu sein.

Ich wollte damit anfangen zu beschreiben, was gemeinhin als Bürde der Repräsentation verstanden wird: Dass ich hier zwar alleine stehe, aber in euren Augen stellvertretend für viele andere spreche, die die gleiche Erfahrung gemacht haben. Ich wollte damit anfangen, warum ich wieder zum Theater zurückkehrte, dass Theater immer Konflikt bedeutet, immer Auseinandersetzung. Ich wollte euch erzählen, worüber ich in der Festivalzeitung schreiben möchte, was ich von euch erwarte, was ich von mir erwarte – Verantwortung und derlei. Ich wollte euch erzählen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem „Erwachsenen“-Theater und dem Jugendtheater, denn egal welches Theater, entscheidend ist, dass ich euch den Konflikt auf der Bühne abkaufe oder anders gesprochen, dass das, was ich da vor meinen Augen sehe, eigentlich das ist was sich in mir abspielt.

Ich wollte damit anfangen, dass in anderen Ländern die Zuschauer*innen nicht still sitzen und wie befreiend ich das fand. Ich wollte damit anfangen, euch zu bitten uns wahrzunehmen, als Publikum, dass ihr uns nicht ausschließt, ignoriert, dass ihr uns nicht vorzumachen braucht, dass ihr nicht auf einer Bühne stündet. Ich wollte darüber erzählen, was alles am Theater möglich ist und was alles am Theater Scheiße ist. Ich wollte euch erzählen, dass man nicht immer alles sofort verstehen muss, dass es am Theater überhaupt nicht darum geht irgendetwas zu verstehen. Dass Theater kollektive Arbeit ist, das Verständnis kann Jahre später noch einsetzen bis dahin mein wichtigster Tipp: Lehnt euch zurück und genießt das Spiel!

Aber das wisst ihr alles. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, die letzten freien Minuten auf dieser Bühne dafür zu nutzen, selbst ein Theaterstück aufzuführen. Die Gelegenheit hat man nun mal nicht jeden Tag.


Erster Akt – ca. 1820 auf dem Mont Liban. Die Baumwollproduktion läuft gut. Eine Schicht von Händlern entsteht, sie reisen zwischen dem Berg, Beirut und Damaskus. Von Beirut aus wird die Baumwolle nach Europa verfrachtet. Die erste Identitätskrise arabischer Christen folgt. Sie dürfen weder die Gunst der Europäer verlieren, noch die des Hinterlandes. Es entsteht der syrische Nationalismus. Erinnerungen an eine vorislamische Zeit. Konservativ, aber aufklärerisch.

Zweiter Akt – 1916 entwirft Mark Sykes, ein britischer Politiker, die Farben der Great Arab Revolt gegen die Osmanen. Der Panarabismus liegt noch in den Wehen, schon gibt man ihm die Farben der vier großen islamischen Dynastien. Schwarz für die Abbasiden. Weiß für die Umayyaden. Grün für die Fatimiden. Rot für al-Andalus und den Maghreb. Die Great Arab Revolt findet keinen Rückhalt, zur gleichen Zeit treffen sich Sykes und Picot und teilen den Nahen Osten auf. Jordanien, Palästina und Irak werden, sobald das Osmanische Reich zerfällt, britisch. Syrien und Libanon unterstehen französischem Mandat. Kurz versucht König Faisal noch zu rebellieren, trotz britischer Unterstützung scheitert er.

Dritter Akt – Der Kolonialismus. Frankreich regiert nach dem Prinzip divide et impera. Mit den Grenzen entstehen die Minderheiten. Die Franzosen sind natürlich zum Schutz der christlichen Minderheit da, ihrer Brüder und Schwestern. Diese sind gleichzeitig Araber. Die Kurden und Tscherkessen sind Sunniten, aber keine Araber. Die Alawiten, Drusen, Ismaeliten und die Schiiten sind Araber und Muslime, aber keine Sunniten. Die Assyrer und Aramäer sind weder das eine noch das andere. Die Armenier sind Christen, aber keine Araber. Ein großes Debakel, auch die ersten Minderheiten-Definitionen helfen nicht weiter. Die Franzosen verteilen zwar ein paar Militärposten an die Minderheiten, aber die Rufe werden nicht leiser: „Weg mit diesem Europa!“ Und weg ist es 1945 und hinterlässt 25 Jahre, die von 15 verschiedenen Regierungen geführt werden.

Vierter Akt – Der Panarabismus. Endlich kommt der Erlöser. Gamal Abdel Nasser. Er sagt nicht nur „Weg mit diesem Europa!“, sondern „Jetzt wird Araber-Sein wieder cool.“ Ein paar Reformen stellen es unter Beweis und die verheerende Niederlage des Sechstagekrieges machen es wieder zunichte. Ganz von den zahlreichen politischen Gefangenen abgesehen. Nun hat Hafiz al-Assad seinen großen Auftritt: Ja, wir glauben noch an den Panarabismus, glaubt uns, wir glauben noch dran, wir glauben ganz fest daran, an uns, und ihr auch an uns und wer nicht an uns glaubt, der glaubt an niemanden, der ist ein Niemand, für einen Niemand interessiert sich niemand. Und wenn man von den Franzosen etwas gelernt hat, dann doch divide et impera.

Fünfter Akt – 2011 laufen ein paar Schulkinder in Dar’a rum. Sie malen etwas an eine Wand. Der Rest der Geschichte ist als Syrischer Frühling bekannt. Und nun stehen wir da. Divided and ruled. Die Postkoloniale Trinität erhält ihren Auftritt: Edward Said, Homi Bhabha und Gayatri ChakRaVorty Spivak. Edward Said tritt vor und weist darauf hin, dass das konstruierte Bild nicht der Realität entspricht. Homi Bhabha tritt vor und weist auf die positive Kraft der kulturellen Hybridität. Gayatri ChakRaVorty Spivak tritt vor und verweist auf die Rolle der Subalternen in den Damaszener Vororten, die nicht gehört werden, und fordert den strategischen Essentialismus. Nur einer erhält keinen Auftritt, denn er würde nur sagen: Die Muskeln des Kolonialisierten sind immer und fortwährend angespannt. „Get over your colonial shit!“, ruft jemand aus dem Publikum. Ende.


Dieses Theaterstück war Teil meiner Bachelor-Arbeit. Ich habe mich gefragt, wie kann ich eine komplexe Geschichte herunterbrechen und zugleich ihre Komplexität betonen. Als ich mich vom Theater spielen entfernte, wendete ich mich einer anderen Form zu, dem Schreiben. Aber auch das Schreiben hat Grenzen. Mir wurde ziemlich schnell klar, die erzählende Figur kann sich nicht nur im Buch bewegen, sie muss Gestalt annehmen, Wirklichkeit werden, um Wirklichkeit zu verändern, um Wahrnehmung zu verschieben, und das ist die vornehmliche Aufgabe von Sprache. Sie schafft und bestimmt die Wirklichkeit zwischen uns. Indem ich die Geschichte Syriens so heruntergebrochen habe, hoffe ich zu zeigen, dass der dortige Krieg eine Geschichte hat, nicht einfach so über das Land ausgebrochen ist. Gleichzeitig konstruiere ich eine Geschichte, was nur bedingt mit der Realität zu tun hat. Es ist eine Gratwanderung.

Ich wünsche mir, dass ihr das im Hinterkopf behaltet, während ihr in dieser Woche in die Workshops geht, in den anderen Vorstellungen sitzt und euch austauscht. Theater bewegt sich als reales Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion, wechselt von einer Ebene in eine andere. Ich stehe auf dieser Bühne und rufe Bilder und Assoziation in eurem Kopf auf. Und will eigentlich nur sagen: Check your fictions! Danke!


Foto: Dave Großmann