Topinambur –
Neulich in the Movie Theater

Vorher: Herzlich willkommen zur Aufführung von „Charly’s super sweet 18“ dem neusten und coolsten aller Teeniefilme unserer Zeit. Er ist nicht wie die andere. Die Vorstellung ist ausverkauft. 3D-Brillen aufgesetzt und los geht das Erlebnis. Muss schon sagen, das Kino von heute hat ganz schön Fortschritte gemacht, es wirkt alles so real, ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Es ist mir, als könnte ich die Erde riechen.

Junge Menschen in weiß, schöne Menschen in weiß. Sandkasten. Garten. Party. Charlotta (Abi mit 1,3, reitet und hat keine reichen, sondern wohlhabende Eltern) will eine Party schmeißen. Charlotta ist aufgeregt – sie wird 18. „Oh Mann, Mama, das darf man nur mit der Hand!“ sagt sie, sucht das mit dem Glitzer und durchsichtig in der Mitte. Das muss gut werden, aber leider ist sie trotz ihrer Mühe anscheinend nicht cool genug. „Wir feiern die neue Unverbindlichkeit“ sagen die Gäste und kommen weder um acht noch bringen sie „gute Laune“ mit, wie Charly auf der Einladung verlangt hat.

Dazwischen: Mensch Charly, das hätte ich dir auch gleich sagen sollen, dass du grade alles andere als cool bist. Ich schmunzele.

Charly fuchtelt aufgeregt mit den Händen. Mama, Papa und die Gartenzwerge kommen in den Schuppen, die sind ja schließlich peinlich.
Dazwischen: Sie sprechen chorisch und einzeln. Stehen vor Charly „ja, Charlotta, nein, Charlotta,“ sagen sie und neigen gleichzeitig den Kopf.
Es ist sauber, es hat Tempo und Dynamik.
Und auch einzeln sprechen sie, die Texte sind lustig, werden in den Raum geworfen. Ein wenig, so habe ich das Gefühl, klingt es hier nach StudiVZ-Gruppennamen.

„Sei ein Wanderpokal“, sagen die ersten drei Mädchen zu Charly, such dir reiche Männer. Die nächsten drei sagen lieber, was sonst zu tun sei, Karriere machen zum Beispiel oder die Bücher zurückbringen. Charly sagt nichts.
Dazwischen: Ich sehe Fragen nach dem Wohin, aber keine Antworten. Sowieso sehe ich sehr viel über das Heute, wer wir sind und was wir wollen.

Wir sind Plastik, wir sind oberflächlich, wir werden nicht geliebt, sondern nur bewundert und für unsere Probleme ist ein automatischer Anrufbeantworter da. „Wenn Sie noch ein wenig emotionalen Aufbau wünschen, drücken sie die 1.“
Dazwischen: All das sind wir. Jungejunge. Vielleicht haben sie recht, ich ein Klischee, du ein Klischee, wir ein Klischee. Und um uns nichts, was uns hält.
Und jetzt denke ich und jetzt geht’s bestimmt gleich los mit dem Spiel.

Charlotta und der Nachbarsjunge, Charlotta und die Freundinnen, Charlotta und die Welt.
Dazwischen: Ich hab grad nicht so den Plan, wo hier die Geschichte sein soll. Aber es geht bestimmt gleich los. Der kleine Junge, den find ich ganz super. Heiraten oder adoptieren würde ich den. Ja, ist schon lustig, wie Charlotta sich aufregt und eigentlich ist der Nachbarsjunge ja auch ganz nett.

Charlotta will nicht Autoschieberin werden und nicht das Geld älterer Herren wegsaugen.
Sehr sauber, sehr sauber, es riecht fast streng nach Desinfektionsmittel. Da helfen auch die persönlichen Kinderbilder an der Wand nicht. (Aber wirklich persönlich waren die auch nicht, meine Eltern haben mich, als ich eins war, nackt mit der Schüssel Bananengatsch in die Badewanne gesetzt, da durfte ich dann essen. Das sind persönliche Fotos, die sehen allerdings nicht nach Happy-Meal-Werbung aus. Aber vielleicht haben ja alle anderen nur süße Kinderfotos von sich – kann ja sein.)

Charlotta ist unglücklich und alleine. Charlotta wird blöd angemacht. Charlotta, ähh Charlotta…..
Dazwischen: Charlotta macht eigentlich gar nichts. Hm denke ich so. Hm vielleicht bist du einfach nicht cool weil du nichts machst. Charlotta, ey gar nichts. Über, überhaupt nichts. Mach doch mal deinen Kopf an. Aber es fängt bestimmt gleich an, in der Zwischenzeit kann ich ja lachen.

Charlotta macht immer noch nix. Charlotta lebt in der Plastikwelt. Armes Ding. Aber der Junge ist wieder da.
Dazwischen: Charlotta, habe ich bisschen das Gefühl, ist auch aus Plastik und das sagt mir: Ähhh, ich bin auch aus Plastik, Juchhu. Und jetzt? Ich guck mal lieber weiter den Film, da muss ich nicht nachdenken.

Die neuen Teeniefilme haben keine Handlung, die neuen Teeniefilme haben kein Happy End. Die neuen Teeniefilme sehen aber gut aus. Technisch perfekt produziert. Wer benutzt denn heute noch das Wort Arbeit?
Dazwischen: Die neuen Teeniefilme sind wie schicke Designersessel, die unglaublich teuer und unglaublich ungemütlich sind. Nur zum Anschauen, sagt die Frau in Laden heimlich zu mir, setzen ist eh out.

Charlottas Party war jetzt doch irgendwie gewesen. Alkohol und so.
Dazwischen: Ist mir jetzt auch langsam egal. Ich glaube, los geht’s hier nicht mehr.

Oh ja, jetzt fängt es an. Ach nein, jetzt ist es zu Ende: Und ich so: häähh?“
Danach: Und ich so: häähh? Kann man, kann man, kann man allen Ernstes 90 Minuten Theater machen, ohne einmal eine Konsequenz aus der dargestellten Oberflächlichkeit zu ziehen? Kann man neunzig Minuten schick sein, ohne einmal unter die Oberflächlichkeit zu kommen?
Es riecht nach Desinfektionsmittel und Witzen. Das ist also der neue Teeniefilm.

Okay, ich geh paragliden.

Foto: Skarlett Rîhner