Throwback zum magischen Theater

Liebe Theaterliebhaber*innen,

heute fiel mir zufällig wieder der werte kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry in die Hände, ein kluges Werk, wer kennt es nicht? – Und wie ich so entspannt und wohlgesonnen durch die schön bedruckten Seiten dieses Buches blätterte, merkte ich, wie mein Blick plötzlich von zwei Sätzen förmlich gefesselt wurde. Zwei Hauptsätze. Zwei einfach zusammengebaute und doch inhaltsreiche Sätze. Zwei vielfach zitierte Sätze:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Das Besondere an dieser Zitat-Renaissance, die ich verlebte, war jedoch, dass mich Wesen und Inhalt dieser beiden Sätze nur für einen winzigen Augenblick zu beschäftigen schienen, stattdessen sah ich plötzlich und für eine geraume Zeitspanne nun unwiderruflich das magische Theater, die Spielstätte der Katharsis, welche dieses Jahr den Garten des Berliner Festspielhauses, während des Theatertreffens der Jugend, zierte, in voller Gestalt in den Pupillen meiner Imagination erscheinen. Und wie ich so an die schöne Aprilzeit im magischen Theater zurückdachte, fiel mir auf, dass ich euch ja gar nicht berichtet habe, was da eigentlich passiert ist – an diesem mystischen Ort.

Das magische Theater, man könnte es auch verspiegelten Kubus nennen, sollte auf die Urfunktion des Theaters – als Ort der Befreiung und Reinigung von Lasten und Übeln – zurückgreifen und seinen Besucher*innen genau dies bieten: einen Raum der Ruhe und Besinnung, in welchem es gestattet ist, dem eigenen „Ich“ Zeit und Aufmerksamkeit zu gönnen und sich mit den eigenen Gedankengängen kritisch und reflektiert auseinander zu setzen.

Während des Festivalzeitraums fanden gar viele Teilnehmer*innen des Theatertreffens der Jugend ihren Weg zum magischen Theater, welches sie – stets alleine und ohne weitere Begleitung! – durch eine, eigens dafür präparierte, Hasenröhre erreichen konnten. Im magischen Theater selbst angekommen, fanden sie nun, wie einige von ihnen mir berichteten, nicht etwa einen Ort des „theatrons“, also des Zuschauens und Unterhalten-Werdens vor, sondern sie begegneten, in vielerlei Ausführung, sich selbst: denn das magische Theater zierten keine Portale und auch keine Guckkastenbühne, nein das magische Theater war ausgeschmückt mit Spiegeln. Unzählige Verspiegelungen. An jeder noch so kleinen Ecke des Raumes. Millimeter für Millimeter – nichts als Spiegel.

Fein poliert waren sie aber nicht gerade. Diese Spiegel. Sondern verschwommen und undurchlässig für ein glasklar erkennbares Spiegelbild. Wieso? Gute Frage. Vielleicht, weil das Spiegelbild, so klar es auch sein mag, für gewöhnlich ja bloß von der Sehkraft erfasst werden kann und insofern – und da denke ich gern an de Saint-Exupéry zurück – das Wesentliche (was auch immer dies sein mag) ohnehin schwer wiederzugeben vermag. Vielleicht aber auch, weil, bis auf die Teilnehmer*innen des Theatertreffens der Jugend, kaum eine*r bis jetzt den Weg zum magischen Theater gefunden hat, um sich alsdann auch um den Glanz der Spiegelfassaden zu kümmern – dieser Ort folglich noch in seinem Naturzustand zu weilen scheint.

Womöglich äußert sich in dieser Reinheit, in dieser natürlichen Beschaffenheit dieses Raumes zugleich dessen große Qualität. Denn hier waren die Besucher*innen erstmals frei in ihrem Sein, nicht verpflichtet einer gesellschaftlichen Forderung gerecht zu werden, endlich mächtig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf das eigene „Ich“.
Dieser Konzentration auf das eigene Dasein und der Auseinandersetzung mit den mannigfaltigen Seiten des „Ich“ wohnte im magischen Theater stets auch Pablo bei. Wer das ist? Keine Ahnung … Gesehen habe ich ihn nie, gehört dagegen oft. Sagen wir, er ist eine Stimme. Eine Stimme, die zwischen dem Undurchlässigen der Spiegelfassaden ihre Behausung gefunden zu haben scheint. Eine etwas tiefere, entspannte Stimme. Eine freundliche, geduldige Stimme. Eine interessierte Stimme. Und vor allen Dingen: eine Stimme, die nicht nur des Sprechens mächtig ist, sondern insbesondere auch des Zuhörens.

Folglich ist Pablo – so hat sich die Stimme stets selbst benannt – schon immer da gewesen, im magischen Theater, bereit sich mit jeder und jedem der, einzeln das Theater betretenden, Besucher*innen zu unterhalten und sie auf ihrer Reise zum Erkennen ihres „Ich“, freudig, doch stets mit Sensibilität, zu begleiten. Wie Pablo mir im Anschluss zugeflüstert hat, waren viele der Gespräche wohl sehr fruchtbar für ihn, aber vor allen Dingen für die Besucher*innen des magischen Theaters selbst.

So erzählten ihm die Besucher*innen, vorwiegend jugendliche Personen, von Zuschreibungen und Herausforderungen, vor die sie die Gesellschaft, in der sie weilen, stelle. Oftmals hatten diese Erzählungen, in größeren Zusammenhängen, wie auch in kleineren Details, viele Gemeinsamkeiten, sodass sich in ihnen folglich auch problematische Knotenpunkte unserer heutigen, schnelllebigen Gesellschaft widerspiegeln konnten.

Häufig in den Gesprächen problematisiert wurde, dass Beurteilungen und Bewertungen der Menschen untereinander und gegenseitig, sich viel zu schnell ereignen und meistens auf rein äußerlichen, visuellen Faktoren basieren. Wie jemand aussieht, scheint folglich auch etwas über seine*ihre geistige und menschliche Qualität auszusagen – ein Triumph der Sehkraft also, ein völlig fehlgeleiteter Triumph, der wahrscheinlich aus dem fortwährend lauten Ticken der gesellschaftlichen Uhr resultiert, welche uns animiert, in Windeseile so viele Erfahrungen, wie nur möglich, zu machen. Kein Wunder also, dass eine genaue Auseinandersetzung der Menschen untereinander – der Eifer nach Durchdringung ihrer Wesen und Charaktere – da natürlich ausbleibt.

Weiterhin auffallend war ein, nahezu katalogartiges, Aufzählen von gesellschaftlichen Rollen, in die sich die Besucher*innen des magischen Theaters in ihrem Alltag hineinprojiziert fühlen. Traurige Rollen sind das. Größtenteils. Bilder, die ich für längst überwunden hielt. Oder zumindest glaubte ich, die sogenannte Realität hätte sich bereits entfernt vom Bild der Frau, als Vertreterin des schönen Geschlechts, die ruhig zart, filigran und sentimental auftreten soll und lediglich dafür bewundert wird, nicht aber für ihre charakterliche Stärke oder Intelligenz – ebenso wie von der Imago eines Mannes, der bloß nicht all dieses „weiblich“ zugeschriebene in sich tragen sollte, es sei denn, er ist Dichter der „Sturm und Drang“-Epoche.

Schlussendlich, nach fundierten Gesprächen über Erfahrungen und Zuschreibungen, gewährte die Stimme Pablos all diesen Menschen, die einzeln in das magische Theater gepilgert waren, die Möglichkeit, eine Handlung zu vollführen, die sie empowern könnte, um alsdann mit neuer Energie, einen Fuß in das herausfordernde Terrain der Realität zu setzen. Einige wählten infolgedessen einen Befreiungsschrei, um all die angestaute Negativität aus ihren Körpern heraus zu befördern, andere nahmen kleine optische Veränderungen an ihrem „Ich“ vor – und dann gab es auch diejenigen, die einen Moment inne hielten und dann wohlgesonnen den Wunsch nach mehr zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher Achtsamkeit aussprachen.

Achtsamkeit. Ja, das ist eine schöne Tugend. Aber auch eine unheimlich schwierige, erfordert sie schließlich ein hohes Maß an Geduld. Zeit investieren, anstelle eines flüchtigen Augenaufschlages. Und überhaupt: nicht lediglich auf die Augen vertrauen, das Wesentliche ist für sie schließlich schwerlich erfassbar.

Ja, das ist auch eine Erkenntnis, die ich aus dem magischen Theater mitnehme. Ansonsten erinnere ich mich auch gerne an die freudigen Gesichter der zahlreichen Teilnehmer*innen des Theatertreffens der Jugend – das sanfte Lächeln nach dem Austritt aus diesem verspiegelten Kubus. Der wohlige Blick, in welchem sich Befreiung und neuer Optimismus spiegelten. Die Zuversicht in den ersten Schritten des erneuten Betretens der Realität. All das waren sehr schöne Bilder, die mich ebenso glücklich stimmen, auch wenn ich für dieses Glück gar nicht verantwortlich war.

Das Glück, es kam aus den Menschen selbst. Es manifestierte sich in einem kleinen Raum. Vor verschwommenen Spiegelfassaden. In ein paar kurzen Augenblicken. Im Alleinsein.
Aber vielleicht ist genau dies, was wahre Glückseligkeit erzeugen kann: eine kleine Denkpause, das kurze Fortschwimmen vom stetig fließenden Strom der Realität, ein bisschen Zeit für sich. Und mit sich. Und vielleicht ist dies auch eine große Qualität des Theaters: eben solche Räume und Gelegenheiten zu schaffen. Wünschenswert ist es in jedem Fall!

Mit diesen Beobachtungen schließe ich nun in meiner Imagination die Tore (besser gesagt: die Hasenröhre) des magischen Theaters. Doch wer weiß? Vielleicht werdet ihr in Bälde wieder auf eine solche kathartische Quelle treffen – das wünsche ich euch von Herzen.

Eure Alice. Alice Parkdeck.

P.S.: An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Besucher*innen des magischen Theaters für eure Offenheit und eure vertrauende Bereitschaft, euch auf diesen reinigenden Prozess einzulassen; sowie an Dr. Jean-Jacques Schaper-Straße und Erika Bundesallee, welche ebenso tatkräftig an der Realisierung des magischen Theaters mitgewirkt haben. Und Danke auch an Pablo, wie auch immer diese Stimme beschaffen sein mag …