Theodor – are you there?

In den letzten Tagen verbringe ich sehr viel Zeit mit meiner Tastatur in Raum E22. Ich tippe und tippe und schmachte der unwiederbringlichen Vergangenheit in Chroniken der letzten Tage hinterher. Ich tippe und schaue und durchforste: Die Plattform Spotify, auf welcher sich Jahrhunderte von Musikgeschichte zu tummeln scheinen. Nichts scheint hier unmöglich zu sein. Alles scheint gefunden, archiviert, sortiert!

Also tippe und schreibe und schaue und blicke ich weiter. Aber manchmal entflieht mein Blick kurz dem grellen Licht dieses sogenannten Internets und schweift zur Seite ab. Da sitzt Felipa. Sie sieht mich nicht, wenn ich sie anschaue, denn sie scheint völlig versunken in den Tiefen ihres Schnittprogrammes. Ähnlich ergeht es auch Laurence, der stundenlang akribisch an wundervollen Videoformaten bastelt, welche – etwa in Form von Interviews – alsdann auf dem Blog erscheinen.

Das ist schön, denke ich. Diese Fähigkeit zum Interviewen inne zu haben. Denn Interviews sind schon eine sehr komplexe Angelegenheit. Es fängt schon bei der Auswahl des zu Interviewenden an: Wie finde ich einen klugen, redefreudigen Menschen? Eine Person, die etwas zu sagen hat? Eine Person, die sich ihrer Privilegien bewusst ist, reflektiert damit umgehen und infolgedessen auch achtsam mit ihren Worten hantieren kann? Und habe ich diese Person gefunden – wie erschaffe ich einen dramaturgischen Bogen, welcher zum anregenden, erkenntnisreichen Diskurs führt? Wie schütze ich die Person, wie bin ich achtsam, wie filtere ich das, was sie mir erzählt, so, dass ich sie nicht bloß stelle? Und habe ich auch dies gemeistert: Wie erstelle ich ein Videoformat, welches es vermag, mir die interviewte Person und ihre Statements pointiert näher zu bringen?

… ja! Interviews sind kein leichtes Unterfangen. Umso erfreuter bin ich, welche gewinnbringenden Arbeiten in den letzten Tagen in diesem Raum entstanden sind. Denke ich. Und wende meine Aufmerksamkeit wieder den unendlichen Tiefen der Musikdatenbanken zu.

Dann halte ich kurz inne. Meine Imagination sucht nach einer Person, mit der mir ein Gedankenaustausch mehr als lohnenswert erscheinen würde. Und spontan fällt mir jemand ein, welchen einzuladen nunmehr unmöglich ist, seine Gedanken jedoch trotzdem an mannigfaltigen Orten der Bildung präsent sind: Theodor Wiesengrund Adorno.

Theodor W. Adorno – Philosoph, Soziologe, Musikphilosoph, Komponist – wäre er nicht ein fabelhafter Kandidat für ein Beisammen-Sitzen und Diskutieren im Foyer der Berliner Festspiele? Kurz schweift mein Blick in den grauen Novemberhimmel ab: Musikphilosophie, denke ich, ein spannendes Terrain. Reflektiert das Musizieren angehen, mit voller geistiger und physischer Präsenz auf der Bühne stehen, sich dessen bewusst werden/sein, wie, was und warum man*frau musiziert, über das Wesen von Musik sprechen, das Unmögliche mit Worten angehen – und eventuell scheitern, weil die Musik, das Naturschöne, sich dem Verstehen vielleicht ja doch entzieht …

All das wären Themen und Fragen, die ich mit Adorno gerne durchgehen würde, um nachzuvollziehen, ob und wie es gelingen kann, Musik von einem philosophischen Standpunkt aus zu betrachten – und was dies überhaupt für ein Musikverständnis evozieren könne.

Gerne würde ich mit Theodor aber auch über sein Verständnis der Neuen Musik sprechen wollen. Über seine kritische Haltung beispielsweise gegenüber der Jazz-Musik. Über sein Festhalten an Bach, Schönberg, oder Strawinksy. Über Zitate, wie dies aus seinem Vortrag Das Altern der Neuen Musik (1955), in welchem es heißt: „Als Musik zum erstenmal an alldem gründlich irre ward, wurde sie zur Neuen.“, die mir häufig entkontextualisiert zitiert zu werden scheinen und einen wirklichen Zugang zu Adornos Musikverständnis daher sogar versperren. Irgendwie bin ich aber trotzdem der Überzeugung, dass Adorno etwas zu sagen hatte. Dass seine Sicht auf die Musik wahrscheinlich ein neues Licht auf diese sogenannte Neue Musik werfen würde – könnte man ihn nach dieser, seiner Sicht eben gründlich befragen – und wir alsdann eventuell unser Verständnis, wie auch unsere Ansprüche an populäre Musik neu definieren müssten.

Manche Dinge sind jedoch schlichtweg unmöglich. Also verbleibt mir nur das Stöbern in Adornos Vorträgen und Schriften. Schriften? Für einen kurzen Moment legt sich meine Stirn in Falten. Wenn Adorno doch auch Komponist war, wieso haben seine musikalischen Werke, im Vergleich zu diesen, philosophischer Natur, so wenig Bekanntheit erfahren? Oder sind Adornos Musikwerke schlichtweg an mir vorbeigegangen? Doch auch Spotify kann mir keine Kompositionen nennen …

Nach einigen Minuten finde ich dann ein YouTube-Video, ein Quartett mit Streichinstrumenten. Ich klicke und höre. Hören, denke ich. Ja, vielleicht ist Hören der einzige Weg, um sich Adornos Musikverständnis, seinen Vorstellungen und Wünschen zu nähern. Denn vielleicht stimmt es ja – und das Naturschöne, die Musik, lässt sich in Worte nicht fassen …