„Theater soll
Reflexe auslösen”

Theater-Jurorin Ulrike Hatzer über Selbstgewissheit, die Gestaltungsmacht des Publikums und die Triebfeder für politisches Theater.

Ulrike, ich tue mich manchmal schwer mit politischem Theater.
Und ich finde es schwierig, einfach so von politischem Theater zu sprechen. Für mich sind Zuschauer immer Mitproduzenten. Das Theater kann einen politischen Anspruch haben, aber es wird erst dann politisch, wenn es das Publikum auch als politisch empfindet.

Ich habe bei diesem Festival zwei Stücke als politisch empfunden: „Freiheit und Demokratie, du Wichser“ und „Syrien, der Krieg im Menschen“. Ich hatte das Gefühl, die Ensembles wollen mich von einer Meinung überzeugen. Warum schreiben die keinen Essay oder organisieren eine Demo?
Theater kann Dinge tun, die ein Essay oder eine Demo einfach nicht können. Es ist ein Raum für Probehandeln, in dem Dinge dichter und vielseitiger durchprobiert werden können als anderswo. Theater kann Themen eindringlich ins Bewusstsein rücken, indem es sie einfach vorführt. Es ist kein bloßes “Was-wäre-wenn” und auch kein “Als-ob”. Beim Theater wird etwas wirklich durchexerziert. Das hat Kraft, das hat Magie. Es ist eben etwas Anderes, ob ich nur etwas lese oder es mit eigenen Augen vor mir sehe.

Aber wer mir so eindringlich etwas vorführt, der will mir damit doch etwas Bestimmtes zeigen?
Ich finde Theater hat die Kraft, zu begeistern, zu irritieren und zu provozieren. Es soll einfach die Lust wecken, ins Gespräch zu kommen. Das heißt nicht, dass es dem Zuschauer eine bestimmte Meinung übermitteln will. Ich finde, das Theater ist in eine gefährliche Nähe zur Bildungsdebatte geraten, die immer klar fordert, dass es zu etwas Bestimmten gut sein soll und dazu den konkreten Beweis liefern muss. Aber darum geht es nicht. Klar kann ich mir vorstellen, dass manchmal Zuschauer überrumpelt sind und das Gefühl haben, hier will jemand etwas ganz Bestimmtes. Aber ich sehe das nicht so missionarisch. Ich finde, Theater soll Reflexe auslösen, und Reflexe und Reflektion gehören für mich eng zusammen.

Ich kann also bei einem politischen Theaterstück auch reflexartig aufstehen und gehen?
Natürlich, für mich ist Theater ein Ort der Kommunikation. Der verträgt Vielstimmigkeit und unterschiedliche Haltungen. Ich denke mir auch, meine Güte, das Publikum sollte lockerer werden und ruhig zwischendrin rausgehen oder klatschen oder buhen. Das ist die Gestaltungsmacht vonseiten des Publikums.

Was bewegt junge Leute dazu, Theater mit politischem Anspruch zu machen?
Wenn manchen Jugendlichen Themen unter den Nägeln brennen, dann kann eine Produktion schon identifikatorische Kraft entfalten. Dann ist das Theater Lautsprecher für ein großes Mitteilungsbedürfnis.

Ist es nicht naiv oder anmaßend, wenn Jugendliche sich Geschichten einfühlen, die sie nicht selbst erlebt haben?
Die Frage nach dem Wert vom Einfühlungstheater ist älter als das Jugendtheater. Einfühlungstheater, das ist auch eine Geschmackssache. Und ganz allgemein muss man immer prüfen: Ist das Einfühlen überhaupt legitim? Führt es zu besserem Verstehen oder ist es nur Gefühlsvoyeurismus? Das Problem wird heißer, je aufgeklärter die Gesellschaft ist. Produktionen müssen sich genau befragen, ob sie wissen, was sie tun, wenn sie sich einfühlen. Was die Schauspieler brauchen, ist Selbstgewissheit. Schon im Probenraum müssen sie wissen, wie sie auf die Zuschauer wirken könnten.

Seit vierzehn Jahren erlebst du das ttj, sei es als Teilnehmerin oder als Jurorin. Wie hat sich das politische Theater entwickelt?
Die Zahl politischer Stücke in den Bewerbungen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dieses Jahr waren es beeindruckend viele. Wir haben bemerkt, dass da bei den jungen Leuten wieder etwas bohrt.

Die typischen Themen sind Krieg, Sexuailtät, der Umgang mit Geschichte. Ist es das, was bohrt?
Ich mache mal eine gewagte These: Ich glaube, beim Theater mit politischem Anspruch stehen nicht die speziellen Themen im Vordergrund, sondern das Unbehagen darüber, wie die Gesellschaft damit umgeht. Kinder wissen schon mit zehn oder zwölf Jahren, dass ihre Eltern Teil von einem Establishment sind, bei dem auch sie schon einen Fuß in der Tür haben – dem sie aber nicht angehören wollen. Ich glaube, das ist die Triebfeder für politisches Theater.

Interview: Sebastian Meineck
Foto: Dave Großmann