Theater ist eine Pflaume

Ein paar warme Festivalgedanken direkt vom Lagerfeuer

Es scheint so etwas wie eine urmenschliche Reflexhandlung zu sein, am Lagerfeuer die Gitarre zu zücken und sich in Romantik und deutsch- und englischsprachiger Gesangs- und Schreibkunst zu verlieren, die oftmals als Antworten auf den Vietnamkrieg entstanden sind oder irgendeiner anderen ähnlich schlimmen Sache, zum Beispiel Trennung. Dagegen sei an dieser Stelle nichts einzuwenden, man kann die positiven Auswirkungen davon schließlich jeden Abend beim Theatertreffen der Jugend sehen, im Garten der Berliner Festspiele, wenn alle müde sind vom Tag, von den Workshops, von Bühne, Bühne, Bühne.

Dann singen junge Menschen den Alten nach, dann kommen die Singer-Songwriter aus ihren Schubladen heraus, werden entstaubt und beweisen ihre Zeitlosigkeit jenseits kruder Ü40-Partys – dann steht das Zusammensein (und das Zusammen-Trinken) an oberster Stelle, unabhängig davon, was die Songs denn eigentlich bedeuten, unabhängig davon, wer die Gesprächspartner denn eigentlich sind, woher sie kommen. Da liegt der eine der anderen im Arm, später liegt er wieder einer anderen im Arm, weil die andere keinen Bock hatte, viel später berühren seine Lippen die Lippen einer ganz anderen – oder auch überhaupt keine Lippen; die Romantik, sie ist nicht immer ein Magnet.

Es hat sich viel verändert beim ttj. Letztes Jahr noch in der WABE, dieses Jahr endlich zu Hause, im Haus der Berliner Festspiele. Die Veränderungen sind spürbar, auch in der Atmosphäre. Der große Garten mit dem Lagerfeuer in der Mitte, die gemütlichen Hollywood-Schaukeln, dazu: viel Biergartengarnitur, ein kleines Zelt, Sitzsäcke en masse, Sonnenstrahlen. Es ist gemütlich geworden, fast möchte man sich nicht mehr wegbewegen, das gute Wetter ist dem Tatendrang auch nicht wirklich förderlich.

Aber es passiert, was passieren muss: Um ein Festival zu sein, muss schon eine Art Ferienlageratmosphäre herrschen, man muss sich verstehen, keine Scheu voreinander haben, gemeinsam musizieren, gemeinsam tanzen, quatschen über dies, quatschen über das, zwischendurch vielleicht auch genervt die Blicke abwenden, sorry, mit dir möchte ich gerade nicht sprechen – das gehört alles dazu.

Dabei spielt das Theater irgendwann keine allzu große Rolle mehr. Nur die hartnäckigsten unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprechen abends noch über die Stücke, darüber, was sie gesehen und wie sie das Gesehene verarbeitet und eingeordnet haben. Je später die Nacht, desto alltäglicherwird der Austausch. Man gewöhnt sich aneinander, an die gegenseitige Präsenz: Theater ist das Bindeglied, Theater ist, ja, Kai Pflaume.

Und damit wird ein Versprechen eingehalten, das gegeben wird, wenn die Gruppen nach Berlin geladen werden: Sie dürfen ihr Stück nicht nur aufführen, sondern in erster Linie auch Begegnungen erleben mit anderen jungen Theatermacherinnen und Theatermachern. Menschen, die mit einer ähnlichen Begeisterung die Bühnen bespielen. Am Lagerfeuer weiß am letzten Tag jede Person, wie es gewesen ist auf der großen Bühne, wie die Erleichterung hinterher gewesen ist und wie seltsam schnell der Alkohol doch in den Körper ging – und wie er bei einigen Darstellerinnen und Darstellern das Gefühl vermittelt hat, wie es ist, von der Senkrechten in die Horizontale zu fallen, direkt auf einen der unzähligen Sitzsäcke, weil man dann doch zu viel getrunken hat: “Er hat nur zwei Glas Wein gehabt.” Oder zum ersten Mal getrunken.

Wenn der Vorhang fällt, hört Theater nicht auf. Wenn der Vorhang fällt, fängt es so richtig an.

Foto: Dave Großmann