Biennale Tanzausbildung:
The show ends here

Dieses Jahr nehmen dreizehn Tanzausbildungsstätten an der Biennale Tanzausbildung teil, acht aus Deutschland und fünf internationale. Am Montag- und am Dienstagabend haben Studierende jeder dieser Institutionen Auszüge aus ihren Arbeiten im HAU1 präsentieren können. Nach der Montagsaufführung hatte ich vor, mit den Teilnehmer*innen des „next generation“-Programms über diese zwei Aufführungen zu sprechen, sie zu fragen, welche Bewegungen ihnen in Erinnerung geblieben sind, mit welchem Stück sie am meisten anfangen konnten, was sie am meisten beeindruckt hat. Nach der Dienstagsaufführung habe ich diesen Plan verworfen. Was stattdessen hier folgt, ist ein Plädoyer gegen das Aufführungsformat. Zwei Punkte lassen sich meiner Meinung nach vor allem gegen diese Art von Gala anführen, bei der die Tänzer*innen dazu angehalten sind, ihre Ausbildungsstätten mit einem Stück zu repräsentieren und zu zeigen, was sie können.

Erstens suggeriert dieses Format Vergleichbarkeit, wo mitunter keine ist. Ein Stück folgt ohne große Pause dem nächsten. Aber nicht jede Performance kann unter denselben Gesichtspunkten betrachtet werden. Sicherlich ließe sich hier einwenden, dass der Gala-Abend doch die Diversität der Stücke aufzeigt, dass doch gerade dadurch, dass die einzelnen Performances eine nach der anderen folgen, deutlich wird, wie unterschiedlich die Stücke sind, wie unterschiedlich Tanz ist. Die Frage ist allerdings, inwiefern es im Rahmen des Gala-Abends möglich ist, jedes Stück nach eigenen Maßstäben zu betrachten, oder ob man nicht durch die Aneinanderreihung von Darbietungen dazu gezwungen wird, an jede Performance ein und dieselbe Perspektive anzulegen: eine Perspektive, die letztlich ein bestimmtes Verständnis von Tanz – Tanz als Unterhaltung, als Präsentation von Virtuosität – privilegiert?

Das führt mich zum zweiten Punk: Wie jedes Format, sanktioniert die Gala bestimmte Verhaltensformen. In ihrem Fall sind das Bekundungen von Begeisterung sowie Missbilligung: Johlen, Applaus, Buhrufe. Dass das aber einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Inhalten nicht förderlich ist, sieht man daran, wie mit der Intervention der iranischen Tänzer*innen Aria Delphani und Sahar Mactabi umgangen wurde – nämlich gar nicht. Auf den Protest der Iraner*innen, die kritisierten, dass sich alle deutschen Ausbildungsstätten über die Zeitvorgaben hinwegsetzten, reagierte das Publikum zwischendurch mit aggressiven Zwischenrufen und anschließend mit lautem Geklatsche. Statt diese rein affektive Ebene zu überschreiten und sich mit der meiner Meinung nach gerechtfertigter Kritik auseinanderzusetzen, galt allerdings: The show must go on – hier kommt das nächste Stück! Das ist schade, denn bei der diesjährigen Biennale Tanzausbildung geht es doch um die „politische […] Dimension von Tanz sowohl im Studium, Studio und auf der Bühne als auch innerhalb der politischen und sozialen Kontexte, in denen wir leben.“ *

Ich denke, dass es daher angebracht wäre, das Format zu ändern. Mein Vorschlag wäre zum Beispiel: Warum statt dieser Gala nicht einfach eine Präsentation der Workshops am Ende der Woche? Eine Präsentation, in der es für die Tänzer*innen nicht darum geht, die eigene Ausbildungsstätte zu repräsentieren und sich in der eigenen Schulidentität zu verfestigen? Warum nicht erst den Tänzer*innen ihre an den Schulen geformten Identitäten entreißen und sie an einer gemeinsamen Praxis arbeiten lassen? Eine Praxis, in die das eingeht, was sie an ihren Schule gelernt haben – als etwas, über das sie verfügen, auf das sie aber nicht reduziert werden können.


* Nachtrag: Am Donnerstag, den 1.3.2018, wird es um 21 Uhr in Uferstudio 1 ein Gespräch über die Intervention von Aria Delphani und Sahar Mactabi geben. Es ist begrüßenswert, dass so wenigstens der Versuch gemacht wird, die Auseinandersetzung nachzuholen, an der es am Dienstag gefehlt hat.