The Kids Are Alright

Die Oldenburger Charmebolzen haben uns gesternmit auf einen wattig-wolkigen 1-Stunden-Flirt genommen – mit entwaffnendem Lächeln und einer ordentlichen Portion kalkulierter Authentizität. Doch die Selbstoffenbarung in der Gruppenerfahrung blieb für mich auf einem Instagram-Level. Von Fine Riebner

Die coolen Kids von Oldenburg, gekleidet in ironischen Retro-Trainingsjacken im 80er-Stil, begrüßen uns im Saal mit einer Roadmap zum „Gipfeltreffen am Do. 19.04.18 – 20 Uhr Haus der Berliner Festspiele“. Inklusive Tagesordnungspunkten („Ich“, „Körper“, „Du“, „Erfahrung und Besitz“, „Gemeinschaft“) und, ganz bescheiden, den Namen der Spielenden: Finn, Jonas, Swantje, Mia, Lennart, Mike, Josie, Merle.

Das Publikum nimmt Platz, begleitet von einem Medley der BEST POP SONGS OF ALL TIME inklusive Haddaways „What is Love” und „It’s Raining Men“ von den Weather Girls. Die Stimmung ist gut, die Lieder fungieren als Konditionierung. Das Publikum wippt mit, lip-synched, unterhält sich gelassen, lächelt. Die Darsteller*innen auf der Bühne wärmen sich dabei auf. Wie kann man da schlecht gelaunt sein? Es ist entwaffnend. Selbstironisch. Spaßig mit Smiley :).

Hier treffen sich nicht Regierungsoberhäupter auf einem Gipfeltreffen, sondern acht Jugendliche der GENERATION XYZ. Hippe und sensible Kids aus Akademiker*innenhaushalten, gerade Abi gemacht, jetzt Studium oder FSJ oder Jobben und Reisen. Das Stück wirkt wie ein Generationenporträt: „Was beschäftigt die Jugend von heute?“

Die Performance ist formal sehr streng gestaltet, eine Art Impro-Training mit Anfassen, wie man es aus Workshops kennt, ohne Requisite, nur miteinander. Dabei sollen die Fragen und Antworten das Publikum in erster Linie unterhalten: entweder weil wir davon ausgehen, dass sie authentisch sind, oder weil sie vielleicht etwas Schambehaftetes ansprechen, das wir auch von uns selbst kennen. Es stellt sich bei mir ab und zu so ein kitschiges Gefühl ein à la: „Hach, die Unschuld des Menschen“ – zum Beispiel wenn sie so kleine Details erzählen, wie etwa dass sie den Fahrradführerschein gemacht haben. Charme Level 9000.

DIE KIDS SIND REFLEKTIERT
Im minimalistischen Bühnenbild stehen sie wie ausgestellt – nackig, obwohl angezogen – vor uns. Und sie zeigen sich scheinbar ungeschönt wie ein Out-Of-Bed-Instagram-Post. Dazu spielt loungiger Funk im Hintergrund, wie die 24/7 Chill lofi Hip Hop study beats Playlist bei YouTube. Das Stück fühlt sich an wie Flaschendrehen, kombiniert mit der Atmosphäre eines guten Jugendfilms, La Boum zum Beispiel, oder ein Soft-Porno. Mit diesen Vibes arbeitet sich das Ensemble durch seine Frage-Antwort-Spielchen.

Diese Spiele werden von den Oldenburger*innen aufgecoolt, ihre Choreo besteht aus ironischen Posen: „Der Denker“, die „Merkel-Raute“, der „Dab“. Dass die Truppe Referenzen zum Festival einbaut (#Fassbrause), sorgt für Lacher. Als sie den Saal öffnen und wir Teil der Fragerunde werden, habe ich trotzdem das Vertrauen, dass sie in ihrem Flirt respektvoll blei-
ben werden: Genauso wenig, wie sie sich gegenseitig bloßstellen werden, werden sie mich und das Publikum bloßstellen.

Die Kids von heute sind natürlich reflektiert. Der Homogenität ihrer Gruppe sind sie sich bewusst. Sie zählen ihre Privilegien auf: weiß, deutscher Pass, fließend Wasser, Bildungsbürgertum, 148 Paar Schuhe. In der Rolle von Politiker*innen spricht das
Ensemble von großen Problemen wie dem Rechtsruck, Trump, der EU; Die Darsteller*innen stellen das Weltgeschehen neben ihre eigenen großen Probleme: das Ende der Schulzeit. Deswegen sind die Tagesordnungspunkte beim Oldenburger Gipfeltreffen auch nicht etwa die Weltwirtschaft, sondern Fragen nach der eigenen Identität und nach Gemeinschaft.

DIE KIDS SIND COOL
An einer Stelle bringt das Ensemble die eigenen Körper auf kreative Weise zueinander in Beziehung, und zwar mit absurdesten Kategorien: Ellenbogen werden in Anzahl Ohrläppchen gemessen, der Kopfumfang in Zehen. Das hat meine Fantasie angeregt. Ich dachte, das ist eine originelle Anspielung auf Konkurrenz und Vergleich in Bezug auf Körper-
normen.

Inhaltlich hätte ich mir von den Frage-Antwort-Spielen mehr gewünscht: Die ständigen Sex-Witze (etwa wenn die Spielenden spitze und runde Körperteile zueinander führen sollen) finde ich dann doch nicht ganz so originell. Geschichten über Drogen, Alkoholvergiftung und ein Anal-Witz schockieren mich nicht. Ein paar Peinlichkeiten (Unwissen über den Staatschef von China, den Besuch eines LaFee-Konzerts) sind mir nicht stark genug.

Es scheint, die Spielenden stellen sich aus und gehen in die Tiefe. Eigentlich zeigen sie aber nur ein bestimmtes Bild von sich selbst. Die Gruppe wirkt harmonisch, problemfrei: Die Einsamkeit, die Machtkämpfe, die unausgesprochenen Hierarchien, Neid, Isolation und Ausschluss werden zwar kurz angesprochen (etwa in der Frage „Wer dachte, er sei nicht cool genug für die Gruppe?“). Am Ende sprechen die Spielenden über Depression, Suizid, Selbstverletzung.

Aber das Ganze bleibt auf einem Niveau, das auch Beiträge auf Facebook oder Instagram haben, durch die sich Leute präsen-
tieren, vergleichen, identifizieren. Auch auf Facebook und Instagram ist Depression sexy, für Einsamkeit gibt es Likes, und das, worum es eigentlich geht, bleibt verborgen.