The End: Bereit zum Abschied

Ein Essay zum Start

Alles hat ein Ende. Dann wird geweint und in Arme genommen und gemeinsam „warum nur“ gedacht und zum Schluss der Beziehung, der Abiturzeugnisver-leihung und der Beerdigung liest jemand Hes-ses Stufengedicht vor und allen wird klar, dass „das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein [muss] und [zum] Neubeginne“ und dass es da so einen Zauber gibt im An-fang, der uns irgendwie hilft zu leben. „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ heißt es am Ende und meist auch noch, dass Gott immer dabei ist. Man geht dann heim.

Aber hier hat alles, alles ein Ende, wir gehen nicht heim, wir hören nur auf und spüren den Anfang noch nicht. Sind in einem großen Ge-bäude mit schwarzem Teppichboden, in dem man sich leicht verläuft. Schilder zeigen, wo es zur Bühne geht, wo zum Foyer. Aber wie man Freunde findet und Spaß und Neues, das sagt uns kein Schild, wir finden es trotzdem. Wie wir weggefunden haben von Eltern, Zuhause und Schule. Hierher nach Berlin.

Hier liest keiner Hesse, keiner sagt „Wohlan denn, Herz“ oder ähnlich Aufmunterndes oder überhaupt irgendwas. Ganz stumm sind wir, sitzen so vor dem Abspann unseres bisherigen Lebens, haben noch die Maisspelzen zwischen den Zähnen vom Popcorn, aber die Tüte ist leer und das Licht wird nicht angehen. Da steht, wer mitgemacht, wer eine Rolle gespielt hat in unserem Leben, der Drehort, die Wid-mung.

Und wir versuchen, irgendwas zu fühlen und hören, eine große Orgel, die größte, an der ein Bach sitzt, es muss nicht mal Johann Sebasti-an sein, auch Philipp Emanuel geht oder ein anderer nicht an Kinderlähmung gestorbener Sohn, weil alle Bachs diesen erschütternden Orgelpunkt halten, den Ton, der das ganze Stück über klingt, tief und basal, zum Dran-festhalten. Weil die Bachs zum Schluss die Kadenz spielen und alles steht in Moll, das ganze Stück in Moll und traurig, aber – ha – der letzte Akkord, die Tonika in Dur. Die Erlö-sung. Und auf einmal ist das Moll überhaupt nicht mehr erinnerbar, auf einmal ist alles in Dur, immer gewesen.

So will man doch enden, wenn man will.

Wir wollen aber nicht, gar nicht. Wollen uns nicht immer anhören: „Schon zum 32. Mal: Das Theatertreffen der Jugend!“ Immer mehr Ge-burtstage hat man, aber immer weniger Ge-burts-Tage.

Wir wollen Regenwurm sein. Wenn uns das neugierige Kind mit den Fingern aus unserer Erde zieht, der dunklen, warmen, und uns auseinanderreißt, dann leben wir doppelt wei-ter, wir wachsen und regenerieren. Und das neugierige Kind fragt sich, wie das geht, und wo überhaupt das Gesicht ist. Der Teil, den es abgerissen hat, das ist früher, die Tage bis heute. Der neue Teil, das sind wir.

Foto: Dave Großmann