„Stören“:
Wenn die politische Theorie
vom Himmel fällt

Gorki-Theater, „Stören“: Ein Weiterdenken in vier Schritten.

1. Problem erkennen

Politisch werden ist fast religiös. Zumindest beim Gorki Theater. Da fällt die kritische Theorie vom Himmel, Butlers Wort in euren Ohren. „Das Unbehagen der Geschlechter“ als Bibel. Ein paar Bücher, so fängt alles an. Und da stehen sie: die Wörter, die man vorher nicht kannte. Der Prozess beginnt: Was ich erlebe, ist echt. Es gibt Namen dafür. Es geht nicht nur mir so. Es ist nicht normal, und nicht ok. Ich muss Dinge verlernen, die mir beigebracht wurden. Ich muss aufpassen, nicht durchzudrehen, werde Verschwörungstheoretikerin genannt: Was andere sagen, stimmt nicht. Ich muss lernen, lernen, lernen. Selbstverständnisse gehen kaputt: dass vielleicht gar nichts „normal“ ist. Was ist eine „Norm“? Was ist „neutral“? Nichts mehr: Denn alles verhält sich zu den Verhältnissen, in denen ich lebe. Ich werde politisch: ich nicht mehr nur ich, sondern ich auch im System.


2. Verzweiflung

„Ist das jetzt meine Lebensaufgabe oder was?“ Ich kann Dinge nicht mehr nicht sehen. Überall Körper, Haltungen, Bedeutungen. Sie werden zu Symbolen, sie stehen emblematisch für strukturelle Ungleichheitsverhältnisse. Ich kann nicht zurück, nicht nicht wissen, was ich weiß. Na toll. Also plus Wut. Ich werde de-privilegiert, und muss auch noch die ganze Zeit in Bewusstsein dessen herumlaufen? Während Machtstruktur und Privilegierung unsichtbar bleiben. Ich will mich nicht mehr verhalten müssen. Ich will nicht mehr in der Struktur sein, die meine Existenz politisiert. Die Konfrontation ist an meine Identität geknüpft. Ich trage sie mit mir herum. Und das System ist der Raum, in dem ich mich befinde. Es gibt keinen machtfreien Raum: Ich trage die Verhältnisse mit mir herum und in mir drin. Nicht mal in mir bin ich sicher: Gewalt wird mir nicht nur von außen zugefügt, sondern auch ich füge mir Gewalt zu. Meinem Körper.


3. Empowerment

Ich bin machtlos. Wie werde ich wieder handlungsfähig? Wo sind die positiven Momente? Ich erprobe innerlich andere Identitäten, probiere Geschichten aus. Ich fantasiere. Mache das, was man mir verbietet, ich feiere, was abgewertet wird, bin genau so, und extra noch ein bisschen mehr, obwohl ich anders sein soll. Bin da, obwohl ich nicht da sein soll: Widerstand. Und mache etwas noch Verboteneres: Habe Spaß daran.


4. Veränderung?

Ich muss mich also ständig selbst verteidigen, mich schützen, mich heilen, wieder aufbauen. Ich muss codieren und decodieren, Gegen-Geschichten erzählen und immer wieder erklären. Aber ich will Dinge verändern. Wie nimmt man Macht weg? Wo liegt Macht? Auf den Kontos? In den Häusern, in den Waffen oder doch in Menschen? Geben sie die Macht freiwillig ab oder muss man sie nehmen? Stören, Zerstören. Macht ist auch Kontrolle. Wer entscheidet, behält die Kontrolle. Was kann ich überhaupt noch entscheiden? Ich verstehe die Systeme immer besser: Sie sind schlau, sie sind heimtückisch. Alles vereinnahmen sie, nehmen es sich, machen es unbedrohlich, drehen es genau um, sodass es ihnen zu gute kommt. Auch meinen Widerstand vereinnahmen sie. Ich kann ihn jetzt kaufen: bei H&M auf T-Shirts oder bei Primark auf Sandalen. Nike wirbt damit in Werbespots. Er hängt auf Plakaten in der U-Bahn, meine Bank druckt ihn auf ihre Broschüren. Sie schreiben ihn in die Leitbilder von Schulen und Universitäten, in die Profile ihrer Unternehmen. Sie drehen die Filme und verkaufen die Eintrittskarten.


Foto: Dave Großmann