Texte der Lesung: Miriam Pontius

Montag Abend haben Schaja Aenehsazy, Lisa Harres, Laura Bärtle, Miriam Pontius, Lea Wahode und Philipp Neudert von der FZ sich zusammen auf die Bühne gesetzt und Selbstgeschriebenes gelesen. Texte über Gärten, das Weltall, Laternen und Freundschaft, Wortcollagen, Prosa und Gedichte. Hier jetzt zum Nachlesen auf dem Blog.

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Mondendämmerung

Als sich im Radio Beethovens 9. Sinfonie aufbaute, flackerte der blutrote Mond am nächtlichen Himmel wie bei einer Übertragungsstörung im Fernsehen. Mit einem Zucken wechselte der Mond die Farbe, war nun eine betörend weiße Scheibe, die drei Sekunden lang reglos am Firmament stand. Dann war er weg. Lydia starrte mit weit aufgerissenen Augen nach oben. Die offene Schwärze über ihr verwandelte sich wie das Mosaik in einem Kaleidoskop, wenn es von einem Kind gedreht wird. Das neue Bild war eine Metallkuppel, die sich mehrere hundert Meter entfernt über Lydias Kopf spannte. Das Radiosignal brach ab. Ohne den Blick abzuwenden, tastete Lydia nach dem Gerät und drückte die Power-Taste.

Das Herz klopfte schmerzhaft gegen ihre inneren Rippenbögen. Kälte arbeitete sich von ihren Fingerspitzen die Arme hinauf. Lydia stand auf und sah sich um. Auf der Wiese hatten es sich hunderte von Menschen gemütlich gemacht. Die nächste totale Mondfinsternis sollte es erst wieder in 107 Jahren geben, hatte in der Zeitung gestanden. Die Gemeinde hatte eine Liste mit Aussichtsplätzen veröffentlicht und die Leute waren in Strömen gekommen. Durch die kühle Nachtluft drangen Gesprächsfetzen und leises Lachen an Lydias Ohren. Niemand schien zu bemerken, dass der Himmel sich in Metall verwandelt hatte.

Lydia mochte den Mond, sie mochte den Sternenhimmel in seiner unbegreiflichen Unendlichkeit. Der Blick ins All hatte sie immer beruhigt. Sie war ein winziger Punkt in einem expandierenden Fass ohne Boden. Jetzt hatte das Fass einen Deckel bekommen. Ihr Verstand griff nach Erklärungen, bekam aber keine zu fassen. Hitze stieg in Lydia auf, trieb sie weg von den blinden Menschen, weg von der plötzlichen Enge. Sie wollte nach Hause. Sie zog das Murren und Seufzen der Schaulustigen wie eine Spur hinter sich her, als sie ihre Sicht kurz versperrte. Lydia vermied es, ihren Blicken zu folgen.

Sie gelangte zum nächsten Parkzugang, einem weit geöffneten Eisentor mit kunstvollen Verzierungen. Für gewöhnlich saß es in einer steinernen Mauer. Lydia streckte die Hand aus und berührte Metall. Strich über vernietete Übergänge. Mit zitternden Fingern wandte sie sich ab und setzte den Fuß über die Torschwelle. Im selben Augenblick veränderte der Boden seine Beschaffenheit unter elektrischem Knistern. Es war, als würde sie ein Wackelbild betrachten: In einem Moment war die Stelle, wo sie den Fuß aufgesetzt hatte, ein gepflasterter Waldweg, im nächsten eine glänzende Metallfliese, die an den Rändern unscharf wurde. Lydia zog den Fuß zurück und das Flackern verschwand. Vor ihr lag nichts als das Tor, der Pfad, auf dem sie schon hundert Mal nach Hause gegangen war und – zugegeben – die neue Metallkuppel. Hier stehen zu bleiben war auch keine Option. Den Blick fest zu Boden gerichtet, trat sie mit beiden Beinen durch das Tor. Das Geräusch einer akustischen Rückkopplung rauschte über sie hinweg wie eine Welle. Bevor sie einordnen konnte, was sie sah, übernahm ihr Körper reflexartig die Überhand. Sie fiel auf die Knie, die Augen fest zusammengekniffen, die Arme um die Schultern geschlungen. Minutenlang, so kam es ihr vor, raste Adrenalin durch ihre Adern, bis ihre Nebenniere erschöpft die Produktion einstellte. Noch immer wie durch einen Nebel nahm Lydia das Geräusch sich nähernder Schritte wahr. Dann spürte sie, wie eine Schuhspitze mehrmals gegen ihr Knie stieß.

„He. Du.“ Eine Männerstimme, distanziert, fast schon kalt. „He! Hörst du mich?“

Lydia hob langsam den Kopf und sah zunächst nur das Gesicht der Person. Ihr fiel die steife graue Mütze auf, die der Mann trug. Ein Symbol prangte auf der Vorderseite. Die Erde, umfasst von zwei Planetenringen, die sich in der Mitte kreuzten. Es kam Lydia vage bekannt vor.

„Wo willst du denn hin?“ Der Mann verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Er trug eine Uniform, farblich passend zur Mütze.
„Ich bin auf dem Weg nach Hause“, sagte Lydia. Der Mann lachte kurz und heiser. Wie Wassertropfen sickerten Zweifel in Lydias Bewusstsein. Ihr Gehirn kämpfte gegen die Informationen an, die die Sehnerven sendeten. Informationen darüber, dass künstliches Neonlicht die Züge des Uniformierten erhellte. Dass sie nicht auf einem gepflasterten Weg kniete, sondern auf Metallfliesen. Dass sich hinter dem Mann ein langer Gang erstreckte, dessen silberne Wände leicht reflektierten. Er legte einen behandschuhten Finger auf den Anstecker auf seiner Brust. Bei der Berührung leuchtete er kurz auf.

„Ja, ich hab‘ hier noch eine gefunden. Ausgang 9.“ Der Uniformierte starrte einen Moment lang ins Leere. „Ruheraum C? Alles klar.“ Lydia warf einen Blick über ihre Schulter. Hinter ihr befand sich eine automatische Schiebetür, deren durchsichtiges Plexiglas die Sicht auf den Park eröffnete. Erneut wurde sie von einer Schuhspitze angestoßen. „Aufstehen.“ Der Mann packte Lydia am Oberarm und zog sie auf die Beine. Sie wehrte sich nicht, als er sie den langen Gang hinab führte, weg vom Tor zum mondlosen Metallhimmel. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie durch eine weitere Schiebetür traten. Sie durchquerten einen kreisrunden Raum, groß wie ein Marktplatz. Ihr Weg kreuzte den einer ebenfalls uniformierten Frau. Sie schien es eilig zu haben, verlangsamte aber ihren Schritt, als sie Lydias Begleiter erkannte. Der nickte seiner Kollegin zu.
„Irgendwas muss dieses Mal mächtig schiefgelaufen sein“, sagte die Uniformierte mit einer flüchtigen Handbewegung in Lydias Richtung. „Bei Ausgang 15 standen gleich drei. Die waren gar nicht mehr ruhiggestellt, das kann ich dir sagen.“ Lydias Aufpasser schüttelte den Kopf.
„Ich hab‘ gehört, dass irgendein Radio-Idiot heute versehentlich Beethovens 9. gespielt hat. Das wurde bei einigen Ruhigstellungen wohl mal als Weck-Trigger verwendet. Und dann gab’s auch noch einen Defekt bei der Radioübertragung, den versuchen sie gerade zu reparieren.“
Die Frau schnaubte. „Starts und Wartungsarbeiten – da nimmt man sich besser frei.“ Sie sah sich kurz um und beugte sich näher. „An Tagen wie heute würde ich fast mit den Ruhiggestellten tauschen. Keine Elite, die einem im Nacken sitzt, keine unbeherrschbare Technik, alles schön beschaulich wie vor der Abreise.“
Der Griff um Lydias Arm verstärkte sich.

„Sag das besser nicht zu laut. Wenn sie merken, dass jemand mit der Aufgabe nicht klarkommt, spielen sie einem ohne große Bedenkzeit eine Projektion auf. Ist letztens mit einem aus dem Verwaltungssektor passiert, der soll nen Weltraumkoller gekriegt haben.“

Die Uniformierten verabschiedeten sich mit einem Nicken. Lydias Begleiter gab ihr durch den Druck seines Ellenbogens zu verstehen, dass sie sich in Bewegung setzen sollte. Während sie den Blick auf ihre Schuhe gerichtet hielt, erwartete sie jeden Moment, dass das Zittern wieder beginnen und ihre Gedanken den Schädelinnenraum wundarbeiten würden. Das alles war so entsetzlich falsch, dass ihr Gehirn ihr als Reaktion nur Leere anbot. Die Wände des nächsten Raumes, in den sie geschoben wurde, bestanden ausschließlich aus Fenstern. Eine Handvoll Menschen stand unbeweglich davor und blickte, Lydia den Rücken zuwendend, hinaus. Der Uniformierte ließ Lydia los und sie stolperte ein paar Schritte. Ein gigantisches Panorama eröffnete sich vor ihren Augen. Langsam trat sie näher, legte eine Hand auf die kalte Scheibe. Sie befand sich auf einer Aussichtsplattform, direkt hinter einer monumentalen Tragfläche. Ein Dutzend Triebwerke glühte so intensiv, dass Lydia die Augen abwenden musste. Rote und weiße Punkte flackerten in ihrem Blickfeld, als sie über den Antrieb hinweg zur allesumfassenden Schwärze darüber aufsah. Sie erkannte den Andromedanebel, der so viel näher aussah und am Fenster vorbeizog. Dann erschien noch einmal der Mond. Nicht rot, sondern bleich wie sonst hob er sich von der Dunkelheit ab, bevor sie endgültig wendeten und ihn hinter sich ließen. Die Raumlautsprecher knackten und wie aus weiter Ferne ertönten die ersten Takte einer vergessenen Melodie.