Testosteron: Ein Jugendstück

Eine Jugendgeschichte über den ersten Kuss: Vier Schauspieler variieren Stimmen eines Jungen in der Pubertät, der masturbiert, Pornofilme schaut, von einem Mädchen schwärmt, Hausarrest bekommt, über seinen Penis nachdenkt. Das Stück beginnt mit dem ersten Samenerguss auf einem weißen Laken, dazu donnert der zum Allzeitklassiker gewordene Bombast „Also sprach Zarathustra“ von Strauss.
Der Rest des Stücks ist eine Sammlung von Anekdoten und Geschichten, die typisch sind für das Alter zwischen zehn und 13: Ein Publikum der Klassenstufen fünf und sechs würde mitfiebern und sich wiederfinden, lachen und gespannt zuhören. Da stellt sich die Frage, ob man auf die Brüste oder auf die Augen schaue, da wird eine SMS, die zum gemeinsamen Eisessen einladen soll, ausgeklügelt, da wird beschrieben, wie im Kino versucht wird, die Hand der Verehrten zu berühren.

Das Bühnenbild ist frei von unnötigen Requisiten: E-Bass und E-Gitarre, die angenehme Intermezzi liefern, eine Leinwand, auf die später Live-Close-Ups einer Figur per Handkamera projiziert werden: Alles kein Grund zu klagen.

Die Figur des pubertären Jungen steckt in vier Alter-Egos, in vier Schauspielerkörpern, die hin und wieder kurz in die Rolle der Mutter, der verehrten Marina, oder des besten Freundes schlüpfen. Dabei ist weder charakterlich, noch choreographisch in der Aufteilung in vier Alter-Egos ein tieferer Sinn zu erkennen: Als Zwei-Mann-Stück hätte sich wenig verändert.

Auffällig ist die Eindimensionalität der Erzählweise einer Geschichte, die, wie eine Figur selbst sagt, wir doch fast alle kennen. Das weniger als eine Stunde dauernde Stück reiht Klischees und bekannte Situationen aneinander und überrascht durch recht stereotypische Figuren. Bei der Darstellung der bloßen Flachheit pubertärer erster Verliebtheiten, fehlt ein Bruch, fehlen Ironie, Tiefe oder Persönlichkeit.

Dabei ist diese Zeit im Leben alles andere als unerzählenswert und kann durchaus mit Empathie inszeniert werden. Zum Beispiel mit persönlichen Geschichten – ungewöhnlichen Missgeschicken, individuellen Fantasien, plötzliche Begegnungen mit der Verehrten an ungewöhnlichen Orten, authentische Eigenschaften, die ausgerechnet dieses Mädchen so besonders machen. Beschreibungen ihrer Schönheit wie: „Ihre Augen. Ihr Mund. Ihr Hals.“ versacken bildarm im Ansatz, ohne das Potenzial der intensiv erzählbaren Erlebnisse ansatzweise anzurühren.

Ich fragte mich: Warum erzählt ihr vier talentierten Schauspieler mir diese Geschichte? Wenn sie euch noch interessiert, wenn ihr euch selbst, einen Teil von euch, oder etwas von Menschen, die ihr kennt, in diesem Thema darin wiederfindet – warum wird dann so unpersönlich, so unbeeindruckt, so oberflächlich erzählt?
An mehreren Stellen offenbart sich das Stück durch seine eigenen Worte: „Bist echt noch ein Kind“, oder: „Jetzt wo ihr alle hier seid, kann ich’s ja erzählen“, oder am deutlichsten: „Ganz ehrlich: Ist doch nichts Besonderes.“ Selbst mit Wohlwollen ist daraus keine Ironie zu gewinnen: Es ist eine sich selbst bewusste Eindimensionalität, deren sich selbst Bewusstsein nichts ändert.

Der Versuch, die Bühne körperlich performativ auszufüllen, gelang nur selten. Eine gelungene Idee: die Figuren teilen sich auf, in einen Sprecher vor dem Publikum, einen Bassisten auf der rechten Seite und zwei Hintergrundstimmen links am Mikrofon. Das ist dynamisch. Eine misslungene Idee: Die Figuren rennen minutenlang von der einen Seite der Bühne zur anderen, wie bei einer der lästigen Aufwärmübungen aus dem Turnunterricht – augenscheinlich schweißtreibend und recht gewollt.

Ich kann mir das Stück sehr gut für Jugendliche der fünften und sechsten Klassen vorstellen. Sie könnten im Nachhinein im Unterrichtsgespräch darüber diskutieren, ob diese Klischees sein müssten, und welche Dinge sie schon erlebt hätten, die darüber hinausgingen. Die Kinder würden zum Reden und Nachdenken kommen – und vielleicht sogar sehen, dass manche ihrer Sorgen gar nicht so unnormal sind. sebastian

Foto: Dave Großmann