Tantalos‘ Verlangen

Mit dem Titel spannt das Ensemble tanzsturm – Staatstheater Mainz den Bogen zur griechischen Mythologie auf. Tantalos, das ist der König, der den Göttern gefrevelt hat und zur Strafe für immer in einem Teich stehen muss: Das Wasser reicht ihm bis zum Hals, die Früchte der Obstbäume hängen knapp über seinem Kopf. Doch beugt er sich hinab, versickert das Wasser im Boden. Greift er nach den Früchten, weht ein Windstoß die Äste in die Höhe. Tantalos quälen nicht nur Durst und Hunger. Ihn quält, dass das Wasser, das seinen Durst stillen könnte, und die Früchte, die ihn sättigen könnten, so leicht erreichbar zu sein scheinen – es aber eben nicht sind.

Genau wie Tantalos, den das Verlangen nach Wasser und Frucht dazu bringt, wiederholt sich nach unten zu bücken, wiederholt sich nach oben zu strecken, scheinen auch die zwölf Tänzer*innen des Mainzer Ensembles vom Verlangen angetrieben zu werden. Auch sie bemühen sich darum, etwas zu erlangen, das nur scheinbar in Greifweite ist. Doch anders als bei Tantalos beschränkt sich das Verlangen der Tänzer*innen nicht auf zwei höchst konkrete Dinge. Während Tantalos das Wasser unter ihm und die Früchte über ihm begehrt, bleibt bei den Tänzer*innen von tanzsturm wesentlich unspezifischer, wonach es ihnen verlangt. Denn ihr Verlangen begrenzt sich nicht auf Objekte, sondern scheint sich auf eine Vielzahl abstrakter Bedürfnisse zu beziehen.

In dieser Hinsicht scheinen die Tänzer*innen weniger zu wissen als Tantalos, der immerhin die Objekte seines Begehrens genau benennen kann. Wo dieser gleichermaßen nach oben wie nach unten strebt, wollen jene ganz klar nach oben: Oben ist die Richtung, in der das Verlangte zu liegen scheint, unten hingegen die andere Richtung, in die es sie – unfreiwillig und zwangsläufig – zurückzieht. Nach oben strecken sie ihre Arme, spreizen die Finger, als gelte es, sie einsatzbereit zu halten. Nach oben blicken die Tänzer*innen erwartungsvoll. Nach oben bemühen sie sich zu springen: ob selbstständig mit Anlauf – einen Arm dabei hochgerissen, der noch höher kommt als der Rest des Körpers – oder durch Unterstützung der Mittänzer*innen. Nach unten hingegen verschlägt es sie lediglich immer wieder zurück, weil der Versuch, das Oben zu erreichen, nicht gelungen ist, weil das, was oben ist, niemals erreicht werden kann.

Die Mainzer Tänzer*innen schrecken nicht vor großen Gesten zurück. Im Fokus von „Tantalos“ stehen Bewegungen, die bedeuten sollen. Doch wo die Tänzer*innen die Schultern hochziehen, wo sie sich krümmen, wo sie sich umarmen, führen sie nicht nur eine Bewegung aus, sondern eine Geste. „Alles bleibt dabei Tanz, selbst das Küssen“, schreibt Tomas Bünger im Programmheft. Vielleicht ließe sich hinzufügen: Der Tanz, der das Küssen ist, bleibt dennoch unverkennbar eine Darstellung des Küssens.

Ganz klar: „Tantalos“ setzt auf Affekte – auf Affekte, die in den Gesten zum Ausdruck kommen, aber auch auf Affekte, die ausgelöst werden. Es gibt Passagen in diesem Stück, denen man sich nicht entziehen kann: etwa, wenn die Tänzer*innen mit weit ausholenden Armbewegungen über die Bühne brausen, einer Welle gleich, die alles mit sich reißt. Oder wenn sie sich umeinander scharen, einander auf Schulterblatthöhe anfassen: Immer wieder geht ein gemeinsamer Impuls durch die Gruppe, der sich in einem zeitversetztem Aufzucken der Tänzer*innen äußert. Dass diese Stellen so vereinnahmend sind, liegt nicht zuletzt auch an der Musik, die den Bewegungen noch einiges Pathos hinzufügt.

In „Tantalos“ gibt es viele gewaltige Moment, Momente, in denen es nicht um die Entschlüsselung der Geste geht, sondern darum, intensiv zu erleben, einzutauchen in die  Bewegung. Unklar bleibt aber die Verbindung dieser Momente. Sicherlich geht es es in dem Stück nicht darum, eine Erzählung tänzerisch darzustellen, auch nicht den Mythos des Tantalos. Die Szenen des Stücks scheinen häufig wie zufällig aneinandergereiht, der Zusammenhang erschließt sich der Zuschauerin nicht ganz. Zweimal scheint das Stück zu einem Ende zu kommen, ehe es sein eigentliches Ende erreicht. Aber vielleicht ist das gerade die Gemeinsamkeit zwischen dem mythologischen Tantalos und den Tänzer*innen: Es gibt keine Entwicklung hin zu einer Befriedigung, sondern nur die ständige Wiederholung des Versuchs, das Verlangen zu stillen.

Foto: Dave Großmann