TANTALOS:
SPIELRAUM MYSTIK

Tantalos. Eine griechische Sage über Verlangen und Bestrafung. Eine ambitionierte und intime Tanzaufführung von tanzsturm des Staatstheaters Mainz über Menschlichkeit und Sehnsucht.

Zum ersten Mal in dieser Festivalwoche wird es völlig dunkel im Aufführungssaal des Hauses der Berliner Festspiele. Die heitere Stimmung der Auftaktveranstaltung wird unsichtbar. Auf einmal sitzt jede*r der Zuschauer*innen alleine, umgeben von Rascheln, von ächzenden Stuhlen und leisen Gesten.

Auch die Bühne ist ein einsamer Ort in dem von Felix Berner choreographiertem Stück. Immer wieder hebt sich eins der Individuen aus der Masse hervor, die plötzlich als ein organisches Anderes erscheint. Die Bewegungen und Bilder erinnern in ihren fluiden, rhythmischen Abläufen an Naturprozesse- ein pumpendes Herz, Halme im Wind.

Das Begehren der*s Einzelnen steht im Mittelpunkt. Er*sie sehnt sich danach, sich in der Umwelt wiederzufinden, und sucht so sie zu formen. Sein*Ihr Scheitern bringt Verzweiflung und noch mehr Sehnsucht mit sich, auch Sehnsucht nach Kontrolle über das Geschehen. Seine*Ihre Wünsche sind universal: Nähe, Verbundenheit, Synchronität. Und manchmal auch verspielt banal – wie das Entzünden einer Wunderkerze. Immer wieder lösen sich die Formationen auf, Schreiten und wehen an neue Positionen auf der Bühne, bilden neue Szenerien.

Als für einen Moment die Musik verstummt, wirken die Figuren, die hier Raum und einander bespielen, plötzlich fast abstrus. Deutlich zeigt sich wie sehr die Inszenierung von Musik und Licht getragen wird. Warme Klangfarben dominieren die Stimmung, es tönt rhythmisch, atmosphärisch und kräftig.

Ein junges Mädchen küsst das Gesicht eines anderen wiederholt mit dringlicher Rastlosigkeit. Ihr Objekt der Begierde hängt schlaff in ihren Armen, wehrt sich nicht, fühlt scheinbar nichts und verhält sich genau wie das Wort es ankündigt: teilnahmslos, als Objekt. Auf einmal erwacht sie und es kommt zu einem unbewegten, langen Kuss. Dann geht das Spiel wieder los, in umgedrehter Besetzung. Das Thema des Treffens und Verpassens bleibt omnipräsent. Es macht die Abläufe stimmig, jedoch vorhersehbar, die Dramaturgie folgt einer einfachen emotionalen Logik.

Weit entfernt scheint dabei die Idee der Tantalosqualen.

Der eigentliche Tantalos war geplagt von Hunger und Durst – seine Sehnsucht war, wenn nicht weniger poetisch, jedoch weitaus weniger spielerisch. Zermürbender. Essentieller. In „Tantalos“ nähern sich die Jugendlichen dieser Thematik. Der Tanz ist aus ihrer Alltagswelt und ihren Empfinden geboren. Was bedeutet Verlangen für eine Generation aus einem Land, in dem wirklicher Hunger oft lediglich noch eine Metapher oder eine unnötig martervoll, diätische Entscheidung ist? Die Realität des Stückes scheint in einem seltsam geschützten Raum zu existieren, ein Aquarium in einem Ozean. Das Drama ergreifend, aber leicht verdaulich.

Hier und da stellt sich die Inszenierung selbst ein Bein. Schön konstruierte choreographische Elemente und Augenblicke sind nicht nach den Stärken der Tänzer*innen angelegt.  Ein besonderer Fokus wird auf Sprünge und Gestik gelegt, die aber noch nicht in voller Präzision und Kraft ausgeführt werden können. Insgesamt kann die tänzerische Leistung aber sehr überzeugen. Hingebungsvoll und diszipliniert erzählt „Tantalos“ vom zwischenmenschlichen Hoffen und Scheitern. Das Stück schafft es, beides zu zelebrieren ohne zu glorifizieren, und bricht mit der Erzählperspektive von der oft genannten Übersättigung und Überreizung des Menschen der Gegenwart.

In „Tantalos“ gibt es keinen Stillstand, jedoch viel Wiederholung. Es zeigt Tanz von seiner empfindsamen, dramatischen Seite: als ein Meer aus Momenten, die in Wellen kommen und gehen. Es greift dich bei deiner Empathie und setzt dich dort wieder ab, wo es dich abgeholt hat: bei dir selbst.

Foto: Dave Großmann