Tabi:
zwischen Rechercheprojekt
und Performance

Angesichts der Kritik und der Rückfragen, die im Anschluss an meine Rezension zu „Tabi“ nicht nur von Seiten des Ensembles kamen, gibt es Einiges richtigzustellen und zu überdenken. Es ging mir in dem Text nicht darum, den Tänzer*innen von B2B vorzuwerfen, dass sie sich nicht angemessen mit der japanischen Kultur beschäftigt haben. Das zu beurteilen, will ich mir gar nicht anmaßen. Der Punkt liegt nicht darin, dass ich ‚mehr‘ oder ‚besser‘ über die japanische Kultur ‚Bescheid weiß‘ als die Tänzer*innen. Mein Anliegen betrifft vielmehr das Konzept des Stücks: Was mich irritiert, ist, dass es in ihm offenbar darum geht, eine Kultur zu repräsentieren.

Nun wurde mir in einem Nachgespräch mit einigen Tänzer*innen des Ensembles und ihrer Leiterin Maria Kirchhoff klar, dass es in „Tabi“ nicht um die Repräsentation Japans gehen sollte, ja, dass „Tabi“ nicht einmal primär als ein Stück verstanden werden sollte. Zum Tanztreffen beworben hat sich das Ensemble B2B nicht mit einer Produktion – einem Tanzstück über Japan –, sondern mit einem Rechercheprojekt. Im Rahmen dieser Recherche waren die Tänzer*innen nicht dazu angehalten, kulturelle Praktiken zum Zwecke der Vorführung zu imitieren. Vielmehr ging es um die Ansammlung persönlicher Erfahrungen, um den Versuch, sich in das, was unbekannt anmutet, einzufühlen, um den Dialog zwischen Tänzer*innen und japanischer Gemeinde.

Dem Kontext dieses Rechercheprojekts ist aber, so meine ich, das Stück entrissen, das vorgestern unter dem Titel „Tabi“ aufgeführt wurde. Es folgt einer anderen Logik: Was eigentlich vorsichtige Versuche der Einfühlung und Annäherung waren, erscheint hier nun als Repräsentation, als Darstellung des ‚Anderen‘. Vor dem Hintergrund des Stücks erscheint das Rechercheprojekt selbst nicht als das Wesentliche, sondern als der Produktionsprozess, die Materialsammlung, die dem Stück vorausging. Es hätte einer bewussten Entscheidung bedurft, das Projekt wieder inhaltlich in das Stück zu holen.