Tabi: wohin geht die Reise?

Ganz klar: Die Tänzer*innen von B2B – Back to Basics des tanzhaus nrw können tanzen. In ihrem Stück „Tabi“ sind die Gruppenchoreografien gut gearbeitet, verblüffend synchron. Schön anzusehen ist auch, wie jede*r Tänzer*in seine*ihre Partie hat. Hier gibt es keinen Star, der mit einem Solo brilliert, während weniger geübte Tänzer*innen sich in der Gruppe verstecken. In „Tabi“ ist jede*r mal im Vordergrund und das mit einer kleinen Sequenz, die zu ihm*ihr passt: die eine mit lässigen Hand- und Armbewegungen, die andere mit zuckenden Gliedern. Schwerlich lassen sich da Vergleiche ziehen: Jede*r ist gut in dem, was er*sie macht.

Dass hier die Tänzer*innen gleichberechtigte Akteur*innen zu sein scheinen, ist sicherlich ein Verdienst der Choreografie. Sicherlich lässt sich nicht bestreiten, dass es in ihr viele interessante Passagen gibt. Da ist zum Beispiel die Szene, in der die Tänzer*innen auf dem Boden liegen, jede*r in einem der Rechtecke, die das Bodenmuster ausmachen. Nur ein Tänzer steht noch und lächelt in sich hinein. Wie er seine leicht gekrümmten Hände bewegt, scheint er nacheinander Einzelne der Liegenden zum Leben – oder zum Tanzen – zu erwecken: Sie tanzen schon, da liegen sie noch in ihren Rechtecken, sie stehen auf, indem sie tanzen, und tanzen noch, als sie sich wieder hinlegen und ihre Plätze einnehmen. Sehr smooth ist das alles.

Nun hat „Tabi“ aber ein ganz großes Problem: Es will Japan darstellen. Dass dem so ist, kann dem*r Zuschauer*in gar nicht entgehen. Es wird ihm*ihr im Programmheft erklärt, in dem er*sie auch erfährt, dass „Tabi“ die Transkription des japanischen Schriftzeichens 旅 ist, „Reisen“: Das Ensemble hat eine Recherche zur japanischen Kultur unternommen und präsentiert seinen Zuschauer*innen nun eben ein Stück dazu. Wer diese Information nicht im Voraus dem Programmheft entnehmen konnte, der*die bekommt sie auch noch im Publikumsraum nachgereicht: Direkt gegenüber der Einlasstür hängen Poster, auf denen eine Auswahl an japanischen Begriffen und Objekten erklärt werden. Und an die Zuschauer*innen, die schon auf ihren Plätzen sitzen, treten vor Beginn des Stücks gebückte Tänzer*innen heran und bieten Snacks an, die vermutlich asiatischen Ursprungs sind. Für den Fall, dass aber immer noch jemand nichts von der Japan-Thematik mitbekommen hat, wird gleich zu Beginn des Stücks erst einmal eine Japanflagge auf die Wand geklebt und ein Film abgespielt, der die Recherchearbeit der Tänzer*innen dokumentiert. So einige Kirschblüten sind darin zu sehen.

Ja, es ist unmissverständlich: In „Tabi“ sollen die Tänzer*innen ihren Zuschauer*innen die japanische Kultur vermitteln. Immer wieder kommt es in der Choreografie zu Bewegungssequenzen, die offensichtlich japanisch sein sollen. Wiederholt verbeugen sich die Tänzer*innen, wobei die Männer ihre Hände neben dem Körper halten und die Frauen ihre aufeinander gelegt haben. Einige Male springen die Tänzer*innen durch den Raum, fassen mit ihrer rechten Hand an die linke Hüfte, als zögen sie ein Samuraischwert aus seiner Scheide, dann holen sie zum Schlag aus. Einmal setzt sich eine Tänzerin hin und faltet eine Origamifigur, einen Kranich. Und ein anderes Mal scheint einer der Tänzer ein Meister zu sein, der laut „Ich, Ni, San“ ruft und dadurch den Takt der Bewegung vorgibt.

In „Tabi“ werden Stereotype über die japanische Kultur angehäuft. Deswegen macht mir die Choreografie, obwohl sie einige starke Szenen hat, insgesamt keinen Spaß. Zu sehr ärgere ich mich über diese Aneinanderreihung von Klischees. Das soll nicht heißen, dass es mit einer Auswahl anderer, vermeintlich weniger klischeehafter Bewegungen getan wäre. Sicherlich, ein Großteil meines Unmuts rührt daher, dass das Stück sich nicht vor den offensichtlichsten Stereotypen scheut: der Kranich, die Geschlechterrollen, der Buddhist und der Samurai, der mit einem lauten Ruf zuschlägt. Aber auch wenn man auf den Samurai verzichtet, wäre das Stück problematisch geblieben. Denn was mich stört, ist die Grundkonstellation: dass in „Tabi“ eine Gruppe von Tänzer*innen einem nicht-japanischen Publikum die japanische Kultur anhand von einzelnen willkürlich herausgepickten Elementen vorführen will.

Das ist kein Plädoyer gegen Kulturvermittlung oder gegen die Arbeit mit Körper- oder Tanztechniken, deren Ursprung gemeinhin im japanischen Raum verortet werden. Nichts habe ich dagegen, wenn der Produktionsprozess eines Tanzstücks mit einer Bewegungsrecherche beginnt, in der Aikido-Unterrichtsstunden oder buddhistische Atemtechniken eine Rolle spielen. Genauso wenig halte ich das Interesse an einer Begegnung mit fremden Kulturen – obwohl diese Formulierung mir auch Bauchschmerzen bereitet – für verkehrt. Dass die Tänzer*innen von B2B sich über die japanische Kultur informieren, bietet natürlich keinerlei Anlass für Kritik – jedenfalls sofern dabei nicht außer Acht gelassen wird, dass das ‚Wissen‘, das über eine ‚fremde Kultur‘ erlangt werden kann, nicht frei ist von der Reproduktion von Stereotypen und Machtverhältnissen. Fragwürdig wird es aber, wenn die Tänzer*innen darauf vertrauen, das ‚Fremde‘ erfasst zu haben, und es selbst repräsentieren zu können.

Nachtrag: Im Aufführungsgespräch mit den Choreograf*innen habe ich erfahren, dass das Stück innerhalb von zwei Wochen aus einem Rechercheprojekt für Jugendliche entstanden ist. Dabei stand im Vorhinein keineswegs fest, dass am Ende des Projekts ein Stück darstellende Kunst entstehen sollte. Sicherlich hat hier die knappe Zeit dazu geführt, dass Themenwahl und Inhalt des Stücks nicht in dem Umfang reflektiert wurden, wie es nötig gewesen wäre. Keineswegs möchte ich, auch wenn es im oben stehenden Text vielleicht den Anschein gehabt haben mag, den jugendlichen Tänzer*innen vorwerfen, für das Problem, das ich in dem Stück sehe, verantwortlich zu sein. Es ist, wie hoffentlich deutlich geworden ist, ein Problem, das weniger die darstellerische Leistung als vielmehr das Konzept des Stücks betrifft.

Nachtrag 2: In einer ersten Fassung dieses Textes habe ich davon gesprochen, dass das ‚Wissen‘, das über eine ‚fremde Kultur‘ erlangt werden kann, nicht frei ist von rassistischen Vorurteilen. Leider wurde dieser Satz häufig missverstanden. Meine Intention war es nicht, zu behaupten, dass das Stück des Düsseldorfer Ensembles rassistisch ist. Vielmehr wollte ich darauf hinweisen, dass kein Lernen über eine ‚fremde Kultur‘ sich völlig der Gefahr entziehen kann, rassistische Vorurteile weiterzuführen.

Foto: Dave Großmann